MEW/22/ME22-066.html

[Entwurf einer Antwort an die Redaktion der „Sächsischen Arbeiter-Zeitung“]

In ihrem Abschiedswort in Nr.105 (31.August 1890) sagt die ausscheidende Redaktion der „Sächsischen Arbeiter-Zeitung“, der kleinbürgerliche parlamentarische Sozialismus sei jetzt in Deutschland in der Majorität. Aber Majoritäten würden oft sehr schnell zu Minoritäten, „und so hofft die scheidende Redaktion der ‚Sächs. Arb.-Ztg.‘ mit Friedrich Engels, daß, wie der naive Staatssozialismus Lassalles einst überwunden wurde, so auch die erfolgssüchtige parlamentarische Richtung in der gegenwärtigen Sozialdemokratie von dem gesunden Sinn der deutschen Arbeiterschaft bald überwunden werden wird“.

Hätte ich noch den geringsten Zweifel hegen können über die Natur der neuesten Studentenrevolte in unsrer deutschen Partei, diese pyramidale Unverschämtheit der Ex-Redaktion eines ihrer Hauptorgane müßte mir die Augen geöffnet haben. Die Ex-Redaktion „hofft mit“ mir – also hoffe ich mit ihr –, daß die von Leuten wie Auer, Bebel, Liebknecht, Singer vertretene Richtung bald die Minorität und die von der Ex-Redaktion vertretene „prinzipielle Haltung“ die Majorität der deutschen Arbeiter hinter sich haben wird. Dies heißt mir die Hoffnungen der Ex-Redaktion direkt anliegen, und werde ich sie dafür persönlich zur Verantwortung ziehn.

Ich habe keinen Drang verspürt, mich in den von den Herren Studenten und Literaten angezettelten Krakeel zu mischen. Wohl aber habe ich meine Ansicht jedem, der sie hören wollte, unumwunden herausgesagt. Und wenn die Herren Krakeeler sie auch öffentlich hören wollen, so sei’s drum.

Als die Herren anfingen, gegen den Parteivorstand und die Fraktion Lärm zu schlagen, frug ich mich verwundert: Was wollen sie eigentlich? Worauf soll das alles hinaus? Soweit ich sehn konnte, lag gar kein Grund vor für all den gewaltigen Spektakel. Der Parteivorstand hatte in der Streitfrage über die Maifeier vielleicht etwas zu lange mit seiner Äußerung gezögert. Dafür bestand er aus fünf Leuten, die an vier voneinander entlegenen Orten wohnten und Zeit brauchten zur Verständigung. Aber als er sprach, hat er das Richtige, das für die Sachlage einzig Passende gesagt. Die Ereignisse in Hamburg haben ihm überreichlich recht gegeben.

Einzelne Mitglieder der Fraktion oder des Parteivorstandes haben sicher in der Debatte Ungeschicklichkeiten begangen. Das passiert immer und überall und fällt auf den einzelnen, nicht die Gesamtheit. Die Fraktion hat in ihrem Verfassungsentwurf sich einzelne Verstöße gegen den demokratischen Etikettenkodex zuschulden kommen lassen. Dafür ist es aber auch ein bloßer Entwurf, den anzunehmen, abzulehnen oder zu verbessern dem Parteitag freisteht. Die Londoner Konferenz der Internationale 1871 hat ebenfalls dergleichen Formsünden begangen, und die Herren Bakunisten griffen sie sofort auf, um sie zur formellen Handhabe ihrer Angriffe gegen den Generalrat zu machen. Trotzdem weiß heute jeder, daß die wirkliche Demokratie im Generalrat saß und nicht im Rat der Bakunisten, die einen ganzen geheimen Verschwörungsapparat konstruiert hatten, um die Internationale sich dienstbar zu machen.

Als zur Zeit der Dampfersubvention die damalige Fraktion einen Augenblick selbst nicht wußte, was sie wollte, und die Redaktion des „Sozialdemokrat“ zum Sündenbock zu machen versuchte für ihre eigne Ratlosigkeit, da habe ich mit aller Entschiedenheit auf Seite der Redaktion gegen die Fraktion gestanden. Dasselbe würde ich heute tun, beginge die Fraktion oder der Parteivorstand wirklich Dinge, die die Partei ernstlich gefährdeten. Von dergleichen ist aber heute gar nicht die Rede; die1

Geschrieben um den 6.September 1890.

Nach der Handschrift.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 22, Berlin: Dietz Verlag 1963, S. 66-67.