MEW/18/ME18-546.html

IV

[„Der Volksstaat“
Nr. 36 vom 28. März 1875]

Den Lesern des „Volksstaat“ ist ein Unglück passiert. Einige unter ihnen erinnern sich vielleicht noch, daß ich in meinem letzten Artikel über „Flüchtlingsliteratur“ (Nr. 117 und 118)1 von einigen Stellen aus der russischen Zeitschrift „Vorwärts“ sowie von einer Broschüre ihres Redakteurs handelte. Dabei kam ganz nebenbei ein Herr Peter Tkatschow zur Erwähnung, der gegen besagten Redakteur ein Schriftlein erlassen hatte, und mit dem ich mich nur ebensoweit beschäftigte als unumgänglich nötig. Ich bezeichnete ihn nach Form und Inhalt seines unsterblichen Werks „als einen grünen Gymnasiasten von seltner Unreife, sozusagen als das Karlchen Mißnick der russischen revolutionären Jugend“2, und bedauerte den Redakteur des „Vorwärts“, daß er sich mit einem solchen Gegner herumschlagen für nötig halte. Wie bald sollte ich erfahren, daß der Knabe Karl anfängt, auch mir fürchterlich zu werden und auch mich in Polemik mit ihm verwickelt. Er erläßt eine Schrift: „Offener Brief an Herrn Friedrich Engels“ von Peter Tkatschow, Zürich, Typographie der „Tagwacht“, 1874. Daß mir darin allerhand Sächelchen angehängt werden, von denen Herr Tkatschow wissen muß, daß ich sie nie behauptet, würde mir gleichgültig sein; daß er aber den deutschen Arbeitern eine ganz falsche Darstellung der Lage der Dinge in Rußland gibt, um dadurch die Tätigkeit der Bakunisten in Beziehung auf Rußland zu rechtfertigen, das macht eine Erwiderung nötig.

Herr Tkatschow führt sich in seinem „Offenen Brief“ durchweg als Vertreter der russischen revolutionären Jugend auf. Ich hätte, behauptet er, den „russischen Revolutionären... Ratschläge erteilt, ...sie ermahnt, mit mir (!) in ein Bündnis zu treten“; gleichzeitig hätte ich sie, „die Vertreter der russischen revolutionären Partei im Auslande“, ihre Bestrebungen und ihre Literatur in den „ungünstigsten Farben vor der deutschen Arbeiterwelt geschildert“; er sagt: „Sie geben uns Russen gegenüber Ihrer tiefsten Verachtung Ausdruck, weil wir so, dumm', unreif seien“ etc. „. . . ‚grüne Gymnasiasten‘ (wie Sie uns zu nennen geruhen)“ – und schließlich folgt der unvermeidliche Trumpf: „Indem Sie über uns spotteten, haben Sie unserm gemeinschaftlichen Feinde, dem russischen Staat, einen guten Dienst geleistet.“ Gegen ihn, Herrn Tkatschow selbst, habe ich mich „in allen möglichen Schimpfereien geübt“.

Nun weiß niemand besser als Peter Nikititsch Tkatschow, daß an alledem kein wahres Wort ist. Erstens habe ich in dem betreffenden Artikel für die Aussprüche des Herrn Tkatschow niemanden verantwortlich gemacht als Herrn Tkatschow. Es ist mir nie eingefallen, ihn als den Repräsentanten der russischen Revolutionäre anzusehen. Wenn er sich selbst dazu ernennt und den grünen Gymnasiasten und andere Annehmlichkeiten von seinen auf ihre Schultern schiebt, so muß ich entschieden dagegen protestieren. Unter der russischen revolutionären Jugend gibt es natürlich, wie überall, Leute sehr verschiedenen moralischen und intellektuellen Kalibers. Aber sicher steht sie im Durchschnitt, selbst nach voller Anrechnung des Zeitunterschieds und der wesentlich verschiedenen Umgebung, immer noch weit höher als unsre deutsche studierende Jugend je gestanden, selbst in ihrer besten Zeit, im Anfang der dreißiger Jahre. Niemand als er selbst gibt Herrn Tkatschow das Recht, im Namen der Gesamtheit dieser jungen Leute zu sprechen. Ja, obwohl er sich diesmal als richtiger Bakunist entpuppt, so bezweifle ich doch bis auf weiteres, ob er das Recht hat, sich als Vertreter jener paar russischen Bakunisten zu gebaren, die ich bezeichnete als „einige unreife Studentchen, die sich mit großen Worten froschartig aufblähen und schließlich sich untereinander auffressen“3. Aber selbst wenn das der Fall sein sollte, so wäre das nur eine neue Auflage der alten Geschichte von den drei Schneidern in Tooley Street in London, die eine Proklamation erließen: „Wir, das Volk von England, erklären“ etc.(1) Vor allem ist also festzustellen, daß die „russischen Revolutionäre“ wie bisher so auch jetzt außer Frage bleiben und daß wir statt Tkatschows „Wir“ überall „Ich“ zu setzen haben.

Ich soll ihm „Ratschläge“ erteilt haben! Mir ist davon kein Sterbenswörtchen bekannt. Schläge, Peter Nikititsch, mögen einige bei der Gelegenheit abgefallen sein, aber Ratschläge? Bitte um gütigen Nachweis.

Ich soll ihn oder seinesgleichen ermahnt haben, in ein Bündnis mit mir zu treten, und zwar am Schlusse meines letzten Artikels. Ich zahle Herrn Tkatschow zehn Mark Bismarcksche Reichsmünze, wenn er das beweist.

Ich soll behauptet haben, er sei „dumm“, und setzt das Wort in Anführungszeichen. Obwohl ich nun nicht leugnen will, daß er das Licht seines Talents – soweit überhaupt die Rede davon sein kann – in beiden Schriftwerken unter einen erklecklichen Scheffel gestellt hat, so kann sich doch jeder überzeugen, daß in meinem Artikel das Wort „dumm“ auch nicht ein einziges Mal vorkommt. Aber wo es nicht anders geht, da helfen sich die Herren Bakunisten mit falschen Zitaten.

Ferner soll ich über ihn „gespottet“ und ihn „in lächerlichem Licht“ dargestellt haben. Daß ich seine Broschüre ernsthaft nehme, dazu wird mich Herr Tkatschow allerdings nie zwingen können. Wir Deutschen stehen stark im Geruch der Langeweile und haben ihn sicher auch oft genug redlich verdient. Aber das legt uns doch nicht die Verpflichtung auf, unter allen Umständen ebenso langweilig und feierlich zu sein wie die Bakunisten. Die deutsche Arbeiterbewegung hat durch den Tirailleurkampf mit Polizei, Staatsanwälten und Gefängniswärtern einen eigentümlich humoristischen Charakter angenommen; warum soll ich den verleugnen? Herr Tkatschow hat volle Erlaubnis, mich so arg zu verspotten und in lächerlichem Lichte erscheinen zu lassen, wie er dies fertigbringt, ohne mir Unwahrheiten anzudichten.

[„Der Volksstaat“
Nr. 37 vom 2. April 1875]

Und nun die unvergleichliche Anklage: Indem ich Herrn Tkatschow in dem ihm und seinen Werken entsprechenden Lichte erscheinen lasse, habe ich damit „unserm gemeinschaftlichen Feind, dem russischen Staat, einen guten Dienst geleistet“! Ebenso heißt es an einer andern Stelle: Indem ich ihn so schildere, wie ich ihn geschildert, verletze ich „die Grundprinzipien des Programms der Internationalen Arbeiter-Assoziation“! Hier haben wir den richtigen Bakunisten. Die Herren, als wahre Revolutionäre, erlauben sich uns gegenüber alles, besonders im Dunkeln; behandelt man sie aber nicht mit der höchsten Ehrerbietung, zieht man ihr Treiben ans Licht, kritisiert man sie und ihr Phrasengeklingel, so dient man dem Kaiser von Rußland und verletzt die Grundprinzipien der Internationalen. Die Sache verhält sich gerade umgekehrt. Wer der russischen Regierung einen Dienst geleistet, ist niemand anders als Herr Tkatschow. Hätte die russische Polizei einigen Witz, so würde sie die Broschüre dieses Herrn massenhaft in Rußland verbreiten. Einerseits könnte sie kaum ein besseres Mittel finden, die russischen Revolutionäre, als deren Vertreter der Verfasser sich hinstellt, bei allen Leuten von Verstand in Mißkredit zu bringen. Andererseits ließen sich möglicherweise immer einige brave aber unerfahrene junge Leute dadurch zu Unbesonnenheiten verführen und lieferten sich damit selbst ins Garn.

Aber, sagt Herr Tkatschow, ich habe mich ihm gegenüber „in allen möglichen Schimpfereien geübt“. Nun ist ein gewisses Schimpfen, die sogenannte Invektive, eine der wirksamsten rhetorischen Formen, die von allen großen Rednern, wenn erforderlich, angewandt wird und worin der kraftvollste englische politische Schriftsteller, William Cobbett, eine Meisterschaft besaß, die noch jetzt bewundert wird und zum unerreichten Muster dient. Auch Herr Tkatschow „schimpft“ in seiner Broschüre ganz gehörig. Hätte ich also geschimpft, so wäre das an sich noch lange kein Unrecht von mir. Aber da ich Herrn Tkatschow gegenüber gar nicht rhetorisch wurde, da ich ihn gar nicht ernsthaft nahm, so kann ich auch gar nicht gegen ihn geschimpft haben. Sehen wir zu, was ich von ihm gesagt.

Ich habe ihn „einen grünen Gymnasiasten von seltener Unreife“ genannt. Unreife kann sich beziehen auf Charakter, Verstand und Kenntnisse. Was die Unreife des Charakters angeht, so hatte ich Herrn Tkatschows eigener Erzählung folgendes nacherzählt: „Ein russischer Gelehrter, der in seinem Lande einen bedeutenden Ruf hat, wird flüchtig und verschafft sich die Mittel, um im Ausland eine politische Zeitschrift zu gründen. Kaum ist er so weit, so kommt, unaufgefordert, ein beliebiger, mehr oder weniger begeisterter Jüngling und bietet seine Mitarbeiterschaft an, unter der mehr als kindlichen Bedingung, in allen literarischen und Geldfragen gleich entscheidende Stimme mit dem Stifter der Zeitschrift zu haben. In Deutschland hätte man ihn bloß ausgelacht.“4 Einen weiteren Beweis für Unreife des Charakters brauche ich hiernach wohl nicht beizubringen. Die Unreife des Verstandes wird hinreichend bewiesen durch die unten folgenden weiteren Zitate aus der Broschüre des Herrn Tkatschow. Was die Kenntnisse angeht, so dreht sich der Streit zwischen dem „Vorwärts“ und Herrn Tkatschow großenteils um folgendes: Der Redakteur des „Vorwärts“ ver langt, die russische revolutionäre Jugend solle etwas lernen, sich mit ernsthaften und gründlichen Kenntnissen bereichern, kritische Denkkraft nach regelmäßigen Methoden sich erwerben, im Schweiß ihres Angesichts an ihrer Selbstentwicklung und Selbstdurchbildung arbeiten. Solche Ratschläge weist Tkatschow mit Abscheu zurück:

„Ich muß immer wieder das Gefühl tiefer Entrüstung aussprechen, das sie von jeher in mir hervorgerufen... Belehrt euch! Bildet euch aus! O Gott, und das kann ein lebendiger Mensch lebendigen Menschen sagen! Warten! Studieren und durchbilden! Aber haben wir denn das Recht zu warten“ (mit der Revolution nämlich)?. „Haben wir das Recht, Zeit an Ausbildung zu verschwenden?“ (p. 14.) „Kenntnisse sind wohl eine notwendige Vorbedingung des friedlichen Fortschritts, aber durchaus nicht notwendig für die Revolution“ (p. 17).

Wenn also Herr Tkatschow schon bei der bloßen Aufforderung zum Studieren eine tiefe Entrüstung entwickelt, wenn er alle Kenntnisse für überflüssig für einen Revolutionär erklärt, wenn er dazu in seiner ganzen Schrift durchaus nicht die geringste Spur von Kenntnissen verrät, so stellt er selbst damit sich das Zeugnis der Unreife aus, und ich habe das bloß konstatiert. Jemand, der aber dieses Zeugnis sich selbst ausstellt, kann nach unsern Begriffen höchstens auf der Bildungsstufe eines Gymnasiasten stehn. Indem ich ihn dieser höchstmöglichen Stufe zuwies, habe ich also, statt zu schimpfen, ihm vielleicht noch zu viel Ehre angetan.

Ferner habe ich gesagt, die Betrachtungen des Herrn Tkatschow seien kindisch (Belege hierfür die Zitate in diesem Artikel), langweilig (das wird der Verfasser selbst wohl nicht ableugnen), widerspruchsvoll (wie der Redakteur des „Vorwärts“ ihm nachgewiesen), und ewig sich im Kreise drehend (was ebenfalls richtig ist). Dann spreche ich von seinen großen Ansprüchen (die ich ihm selbst nacherzählt) und absolut nichtigen Leistungen (die der gegenwärtige Artikel mehr als genügend nachweist). Wo sind nun die Schimpfereien? Daß ich ihn mit Karlchen Mißnick, dem beliebtesten Gymnasiasten von Deutschland und einem der populärsten deutschen Schriftsteller verglichen, das ist doch sicher nicht geschimpft. Doch halt! Habe ich ihm nicht nachgesagt, er hätte sich wie Achilles in sein Zelt zurückgezogen und daraus seine Broschüre gegen das „Vorwärts“ abgefeuert? Da wird wohl der Hase im Pfeffer liegen. Bei einem Manne, den das bloße Wort Studieren schon in Harnisch bringt, der sich Heines:

Und seine ganze Ignoranz
Hat er sich selbst erworben,

kühnlich zum Motto nehmen kann, bei dem kann man wohl annehmen, daß ihm der Name Achilles hier zum ersten Mal vorkommt. Und da ich den Achilles in Zusammenhang bringe mit „Zelt“ und „abfeuern“, so mag Herr Tkatschow sich vorstellen, dieser Achilles sei ein russischer Unteroffizier oder türkischer Baschibozuk und es sei also kommentwidrig, ihn einen Achilles zu schimpfen. Ich kann aber Herrn Tkatschow versichern, daß der Achilles, von dem ich spreche, der größte Held der griechischen Sage war, und daß jener Rückzug in sein Zelt den Stoff geliefert hat zum großartigsten Heldengedicht aller Zeiten, der Ilias, was ihm sogar Herr Bakunin bestätigen wird. Sollte diese meine Vermutung richtig sein, so käme ich allerdings in den Fall erklären zu müssen, daß Herr Tkatschow kein Gymnasiast ist.

Ferner sagt Herr Tkatschow:

„Trotz alledem erlaubte ich mir aber, die Überzeugung auszusprechen, daß die soziale Revolution leicht ins Leben zu rufen sei. ‚Wenn es so leicht ist, sie ins Leben zu rufen‘, bemerken Sie, ‚warum tun Sie es nicht, anstatt von ihr zu sprechen?‘ – Ihnen kommt es als ein lächerliches, kindisches Betragen vor … Ich und meine Gesinnungsgenossen sind überzeugt, daß die Ausführbarkeit der sozialen Revolution in Rußland keine Schwierigkeiten bietet, daß es jeden Augenblick möglich sei, das russische Volk zu einem allgemeinen revolutionären Protest (!) zu bestimmen. Zwar verpflichtet uns diese Überzeugung zu einer gewissen praktischen Tätigkeit, aber sie spricht nicht im mindesten gegen die Nützlichkeit und Notwendigkeit der literarischen Propaganda. Es genügt nicht, daß wir davon überzeugt sind, wir wollen, daß auch andere diese Überzeugung mit uns teilen. Je mehr Gesinnungsgenossen wir haben, desto stärker werden wir uns fühlen, desto leichter wird es uns sein, die Aufgabe praktisch zu lösen.“

Das geht denn doch über das Bohnenlied. Das klingt so nett, so verständig, so gesittet, so einleuchtend. Das klingt ganz als ob Herr Tkatschow seine Broschüre(404) nur geschrieben, um den Nutzen der literarischen Propaganda zu beweisen, und ich ungeduldiger Gelbschnabel ihm geantwortet: Zum Teufel mit der literarischen Propaganda, jetzt heißt’s losschlagen! – Und wie steht’s nun damit in der Wirklichkeit?

Herr Tkatschow fängt seine Broschüre gleich damit an, der Journal-Propaganda (und das ist doch wohl die wirksamste literarische Propaganda) ein Mißtrauensvotum zu geben, indem er sagt, man dürfe „nicht zu viel revolutionäre Kräfte auf sie verwenden“, denn „bei unzweckmäßigem Gebrauch richte sie ungleich mehr Schaden an, als sie bei zweckmäßigem Gebrauch Nutzen stifte“. So sehr schwärmt unser Tkatschow für die literarische Propaganda im allgemeinen. Im besonderen nun, wenn man solche Propaganda machen, Gesinnungsgenossen werben will, so hilft kein bloßes Deklamieren, sondern man muß sich auf Gründe einlassen, die Sache also theoretisch, d.h. in letzter Instanz wissenschaftlich behandeln. Über diesen Punkt sagt Herr Tkatschow dem Redakteur des „Vorwärts“:

„Ihr philosophischer Kampf, jene rein theatralische, wissenschaftliche Propaganda, der sich Ihr Journal ergeben, ... ist vom Gesichtspunkt der Interessen der revolutionären Partei nicht nur nutzlos, sie ist sogar schädlich.“

Man sieht, je mehr wir Herrn Tkatschows Ansichten über literarische Propaganda untersuchen, je mehr reiten wir uns fest, je weniger erfahren wir, was er will. Was will er denn eigentlich? Hören wir weiter:

„Begreifen Sie etwa nicht, daß der Revolutionär sich jederzeit das Recht zuschreibt und zuschreiben muß, das Volk zum Aufstand aufzurufen; daß er sich von Philister-philosophen unterscheidet, indem er, ohne abzuwarten, bis der Verlauf der historischen Ereignisse den Augenblick anzeigt – selbst diesen Augenblick wählt, daß er das Volk immer bereit zur Revolution weiß (p. 10) ... Wer nicht an die Möglichkeit der Revolution in der Gegenwart glaubt, der glaubt nicht ans Volk, der glaubt nicht an die Bereitschaft des Volks für die Revolution (p. 11) ... Das ist es, weshalb wir nicht warten können, weshalb wir behaupten, daß in Rußland die Revolution dringend nötig ist, und nötig namentlich in gegenwärtiger Zeit; wir gestatten kein Zögern und kein Zaudern. Jetzt oder sehr spät, vielleicht nie (p. 16)!... Jedes der Willkür preisgegebene, von Ausbeutern abgerackerte Volk ... jedes solche Volk (und in dieser Lage befinden sich alle Völker) ist kraft der eignen Bedingungen seiner sozialen Umstände – revolutionär; es kann immer, es will immer die Revolution machen; es ist immer bereit zur Revolution (p. 17)... Aber wir können und wir wollen nicht warten (p. 34)... Jetzt ist keine Zeit zu langwierigen Anstalten und ewigen Vorbereitungen – packe ein jeder seine Habseligkeiten zusammen und mache sich eilig auf den Weg. Die Frage, was es gilt, darf uns nicht mehr beschäftigen. Die ist längst abgemacht. Es gilt Revolution machen. – Wie? Wie ein jeder kann und versteht.“ (p. 39.)

Dies schien mir deutlich genug. Ich bat also Karlchen Mißnick: Wenn es denn nun einmal platterdings nicht anders angeht, wenn das Volk bereit ist zur Revolution und du ebenfalls, wenn du denn durchaus nicht länger warten willst und kannst und nicht das Recht hast zu warten, wenn du dir das Recht zuschreibst, den Augenblick zum Losschlagen zu wählen, und wenn es endlich heißt: Jetzt oder nie! – nun, teuerstes Karlchen, so tu, was du nicht lassen kannst, mache die Revolution noch heute und schlag den russischen Staat in tausend Trümmer, sonst richtest du am Ende noch ein größeres Unglück an!

Und was tut Karlchen Mißnick? Schlägt er los? Vernichtet er den russischen Staat? Befreit er das russische Volk, „dieses unglückliche Volk, von Blut strömend, mit der Dornenkrone, angenagelt ans Kreuz der Sklaverei“, wegen dessen Leiden er nicht länger warten kann?

Er denkt nicht daran. Karlchen Mißnick, mit Tränen der verletzten Unschuld im Gesicht, tritt vor die deutschen Arbeiter und sagt: Seht, was mir der verworfene Engels da andichtet: ich hätte vom sofortigen Losschlagen gesprochen; es handelt sich aber gar nicht davon, sondern davon, literarische Propaganda zu machen, und dieser Engels, der selbst weiter nichts macht als literarische Propaganda, entblödet sich nicht, sich den Anschein zu geben, als begriffe er „nicht den Nutzen der literarischen Propaganda“.

Warten! Literarische Propaganda machen! Aber haben wir denn das Recht zu warten, haben wir das Recht, Zeit an literarische Propaganda zu verschwenden? Kostet doch jede Minute, jede Stunde, um die die Revolution sich verzögert, dem Volke tausend Opfer (p. 14)! Jetzt ist keine Zeit zu literarischer Propaganda, die Revolution muß jetzt gemacht werden oder vielleicht nie – wir gestatten kein Zögern und kein Zaudern. Und da sollen wir literarische Propaganda machen! O Gott, und das kann ein lebendiger Mensch lebendigen Menschen sagen, und dieser Mensch heißt Peter Tkatschow!

Hatte ich unrecht, wenn ich jene, jetzt so schnöde verleugneten, losschlägerischen Rodomontaden als „kindisch“ bezeichnete? So kindisch sind sie, daß man glauben sollte, der Verfasser habe in dieser Beziehung hier das Mögliche geleistet. Und doch hat er sich selbst noch übertroffen. Der Redakteur des „Vorwärts“ teilt eine Stelle einer von Herrn Tkatschow verfaßten Proklamation an die russischen Bauern mit. Herr Tkatschow beschreibt darin den Zustand nach vollendeter sozialer Revolution wie folgt:

„Und dann würde das Bäuerlein bei Sang und Klang ein lustiges Leben anfangen… nicht kupferner Groschen, nein goldener Dukaten voll wäre seine Tasche. Allerhand Vieh würde er haben und Geflügel im Hof, so viel er nur wollte. Auf dem Tisch hätte er allerhand Fleisch, dazu Feiertagskuchen, dazu süße Weine und es würde nicht abgedeckt vom Morgen bis zum Abend. Und er äße und er tränke, soviel in den Bauch hineingeht, aber arbeiten würde er nur soviel wie ihm beliebt. Und niemand wäre da, der ihn zu zwingen wagte: geh, iß! – geh, leg dich auf den Ofen!“

Und der Mensch, der diese Proklamation zu verüben imstande war, beschwert sich noch, wenn ich mich darauf beschränke, ihn einen grünen Gymnasiasten von seltner Unreife zu nennen!

Ferner sagt Herr Tkatschow:

„Warum werfen Sie uns Konspirationen vor? Sollten wir der konspirativen, geheimen, unterirdischen Tätigkeit entsagen, so müßten wir jeder revolutionären Tätigkeit überhaupt entsagen. Sie züchtigen uns aber auch dafür, daß wir auch hier, im europäischen Westen… von unsern konspiratorischen Gewohnheiten nicht lassen wollen und dadurch die große internationale Arbeiterbewegung… stören.“

Erstens ist es falsch, daß den russischen Revolutionären kein andres Mittel bleibt als die reine Verschwörung. Hat Herr Tkatschow doch soeben erst die Wichtigkeit der literarischen Propaganda, vom Ausland nach Rußland hinein, hervorgehoben! Auch im Inland kann der Weg der mündlichen Propaganda selbst unter dem Volk, besonders in den Städten, nie ganz verschlossen werden, was auch Herr Tkatschow darüber zu sagen in seinem Interesse finden mag. Der beste Beweis dafür ist, daß bei den jüngsten Massenverhaftungen in Rußland nicht die Gebildeten oder Studenten, sondern die Arbeiter in der Mehrzahl waren.

Zweitens unternehme ich, in den Mond zu fliegen, noch ehe Tkatschow Rußland befreit, sobald dieser letztere mir nachweist, daß ich irgendwo und zu irgendeiner Zeit in meiner politischen Karriere mich dahin erklärt habe, daß Verschwörungen überhaupt und unter allen Umständen zu verwerfen seien. Ich unternehme, ihm ein Andenken aus dem Mond zurückzubringen, sobald er mir nachweist, daß in meinem Artikel von andern Komplotte die Rede ist, als von dem gegen die Internationale, von der Allianz. Ja, wenn die russischen Herren Bakunisten nur wirklich und ernstlich gegen die russische Regierung konspirierten! Wenn sie, statt auf Lug und Trug gegen die Mitverschworenen gegründeter Schwindelverschwörungen wie die Netschajews, dieses nach Tkatschow „typischen Vertreters unsrer gegenwärtigen Jugend“, statt Komplotte gegen die europäische Arbeiterbewegung wie die glücklicherweise enthüllte und damit vernichtete Allianz, wenn sie, die „Täter“ (dejateli), wie sie sich prahlend nennen, endlich einmal eine Tat fertigbrächten, die den Beweis lieferte, daß sie wirklich eine Organisation besitzen und daß sie sich mit etwas anderm beschäftigen als mit dem Versuch, ein Dutzend zu bilden! Statt dessen schreien sie in alle Welt hinaus: Wir konspirieren, wir konspirieren! grade wie die Verschwörer in der Oper, die vierstimmig im Chore brüllen: Stille, stille! Kein Geräusch gemacht! Und das ganze Geflunker von weitverzweigten Verschwörungen dient nur als Deckmantel, hinter dem sich weiter nichts verbirgt als revolutionäres Nichtstun gegenüber den Regierungen und ehrgeizige Klüngeleien innerhalb der revolutionären Partei.

Und grade, daß wir in dem „Komplott gegen die Internationale“ diesen ganzen Schwindel schonungslos enthüllt5, das ist es, worüber diese Herren so entrüstet sind. Das war „taktlos“. Wenn wir Herrn Bakunin enthüllten, so suchten wir „einen der größten und aufopferndsten Vertreter der revolutionären Epoche, in der wir leben, zu beflecken“, und zwar mit „Schmutz“. Der Schmutz, der bei der Gelegenheit an den Tag kam, war bis aufs letzte Lot Herrn Bakunins eignes Fabrikat, und noch lange nicht sein schlimmstes. Die betreffende Schrift hat ihn noch viel zu reinlich dargestellt. Wir haben den § 18 des „Revolutionären Katechismus“ nur zitiert, den Paragraphen, welcher vorschreibt, wie man sich gegenüber der russischen Aristokratie und Bourgeoisie zu verhalten, wie man sich „ihrer schmutzigen Geheimnisse zu bemächtigen und sie dadurch zu unsern Sklaven zu machen hat, so daß ihre Reichtümer etc. ein unerschöpflicher Schatz und eine kostbare Stütze in allerlei Unternehmungen werden“6. Wir haben bisher noch nicht erzählt, wie dieser Paragraph in die Praxis übersetzt worden ist. Darüber aber wäre ein langes und breites zu erzählen, was seinerzeit denn auch erzählt werden wird.

Es stellt sich also heraus, daß sämtliche Vorwürfe, die mir Herr Tkatschow gemacht hat, mit jener Tugendmiene der verletzten Unschuld, die allen Bakunisten so wohl ansteht, daß sie alle auf Behauptungen beruhen, von denen er nicht nur wußte, daß sie falsch waren, sondern die er selbst erfunden, erstunken und erlogen hatte. Womit wir vom persönlichen Teil seines „Offenen Briefs“ Abschied nehmen.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 18, Berlin: Dietz Verlag 1962, S. 546-555.