MEW/18/ME18-536.html

III

[„Der Volksstaat“
Nr. 117 vom 6. Oktober 1874]

In London erscheint eine Revue in russischer Sprache und in zwanglosen Bänden unter dem Titel: „Vperëd!“ (Vorwärts). Sie wird redigiert von einem persönlich höchst achtbaren russischen Gelehrten1, den zu nennen uns die in der russischen Flüchtlingsliteratur herrschende strenge Etikette verbietet. Selbst diejenigen Russen nämlich, die sich für förmliche revolutionäre Menschenfresser ausgeben, die es für einen Verrat an der Revolution erklären, irgend etwas zu respektieren, sie respektieren in ihrer Polemik den Schein der Anonymität mit einer Gewissenhaftigkeit, die nur in der englischen Bourgeoisiepresse ihresgleichen findet, sie respektieren ihn selbst da, wo er, wie hier, komisch wird, weil die ganze russische Emigration und die russische Regierung genau wissen, wie der Mann heißt. Es kann uns nicht einfallen, ein so gut gehaltenes Geheimnis ohne allen Grund auszuplaudern; da aber das Kind doch einen Namen haben muß, so wird der Redakteur des „Vorwärts“ es uns hoffentlich verzeihen, wenn wir ihn in diesem Artikel, der Kürze halber, mit dem beliebten russischen Namen Peter bezeichnen.

Freund Peter ist seiner Philosophie nach ein Eklektiker, der sich aus allen verschiedenen Systemen und Theorien das Beste aussucht: Prüfet alles und das Beste behaltet! Er weiß, daß alles seine gute und seine schlechte Seite hat und daß es darauf ankommt, die gute Seite von allem sich anzueignen, ohne sich die schlechte ebenfalls aufzuladen. Da nun jede Sache, jede Person, jede Theorie diese beiden Seiten hat, eine gute und eine schlechte, so ist jede Sache, jede Person, jede Theorie in dieser Beziehung die eine ungefähr so gut und so schlecht wie die andere, und es wäre also, von diesem Standpunkt aus, Torheit, sich für oder gegen die eine oder die andere zu ereifern. Von diesem Gesichtspunkt aus müssen die Kämpfe und Streitigkeiten der Revolutionäre und Sozialisten unter sich als reine Abgeschmacktheiten erscheinen, die zu weiter nichts dienen als zur Freude ihrer Gegner. Und nichts begreiflicher, als daß ein Mann, der diese Ansicht hat, den Versuch macht, alle diese sich gegenseitig Bekämpfenden unter einen Hut zu bringen, und ernstlich in sie dringt, der Reaktion nicht länger dies skandalöse Schauspiel zu geben, sondern ausschließlich den gemeinsamen Gegner anzugreifen. Um so natürlicher, wenn man eben erst aus Rußland kommt, wo die Arbeiterbewegung bekanntlich so riesig entwickelt ist.

Das „Vorwärts“ ist denn auch voll von Ermahnungen zur Eintracht aller Sozialisten oder wenigstens zur Vermeidung aller öffentlichen Zwietracht. Als die Versuche der Bakunisten, die Internationale unter falschen Vorspiegelungen, durch Betrug und Lüge ihrer Herrschaft zu unterwerfen, die bekannte Spaltung in der Assoziation hervorrufen, da war es wieder das „Vorwärts“, das zur Einigkeit mahnte. Diese Einigkeit war natürlich nur dadurch zu erhalten, daß man den Bakunisten sofort zu Willen war und ihrer geheimen Verschwörung die Internationale, an Händen und Füßen gebunden, überlieferte. Man war nicht gewissenlos genug, dies zu tun, man nahm den Handschuh auf; der Haager Kongreß entschied, warf die Bakunisten heraus und beschloß die Veröffentlichung der diese Ausstoßung rechtfertigenden Aktenstücke.

Groß war das Wehklagen auf der Redaktion des „Vorwärts“ darüber, daß der lieben „Einigkeit“ nicht die ganze Arbeiterbewegung zum Opfer gebracht war. Aber noch größer war das Entsetzen, als die kompromittierlichen bakunistischen Aktenstücke wirklich im Kommissionsbericht (siehe: „Ein Komplott gegen die Internationale“2, deutsche Ausgabe, Braunschweig, Bracke) erschienen. Hören wir das „Vorwärts“ selbst:

„Diese Druckschrift... trägt an sich den Charakter galliger Polemik gegen Personen, die in den vordersten Reihen der Föderalisten stehn... Ihr Inhalt ist angefüllt worden mit Privatsachen, welche nicht anders als durch Hörensagen gesammelt werden und deren Glaubwürdigkeit folglich für die Verfasser nicht unbestreitbar sein konnte.“

Und um den Leuten, die den Beschluß des Haager Kongresses ausführten, zu beweisen, welch kolossales Verbrechen sie begangen, weist das „Vorwärts“ hin auf ein Feuilleton der „Neuen Freien Presse“ von einem gewissen Karl Thaler, das, „aus dem Bourgeoislager hervorgegangen, besondere Aufmerksamkeit verdient, weil es am klarsten beweist, welche Bedeutung für die gemeinsamen Feinde des Arbeiterstandes, für die Bourgeoisie und die Regierungen haben können die sich gegenseitig anklagenden Pamphlete der Kämpfer um die Herrschaft in den Reihen der Arbeiter“.

Bemerken wir zuvörderst, daß hier die Bakunisten einfach als „Föderalisten“ im Gegensatz zu den angeblichen Zentralisten angeführt werden, als ob der Verfasser an diesen nicht existierenden, von den Bakunisten erfundenen Gegensatz glaube. Daß dies aber in Wirklichkeit nicht der Fall, wird sich zeigen. Bemerken wir zweitens, daß er aus einem auf Bestellung geschriebenen Feuilleton eines so verkauften Bourgeoisblatts, wie die Wiener „Neue Freie Presse“, den Schluß zieht, die wirklichen Revolutionäre dürften die bloß vorgeblichen Revolutionäre nicht ans Tageslicht ziehen, weil diese gegenseitigen Anklagen den Bourgeois und den Regierungen Spaß machen. Ich glaube, die „Neue Fr. Presse“ und all dies Preßgelichter könnte zehntausend Feuilletons schreiben, ohne daß dies auf die Haltung der deutschen Arbeiterpartei den allergeringsten Einfluß hätte. Jeder Kampf schließt Augenblicke ein, wo man dem Gegner eine gewisse Genugtuung nicht verwehren kann, will man sich anders nicht selbst positiven Schaden antun. Bei uns ist man glücklicherweise so weit, daß man dem Gegner dies Privatvergnügen gönnt, wenn man damit wirkliche Erfolge erkauft.

Die Hauptanklage ist aber die, daß der Bericht voll von Privattatsachen sei, deren Glaubwürdigkeit für die Verfasser nicht unbestreitbar sein durfte, weil sie nur durch Hörensagen gesammelt werden konnten. Woher Freund Peter weiß, daß eine Gesellschaft, wie die Internationale, die ihre regelmäßigen Organe in der ganzen zivilisierten Welt besitzt, dergleichen Tatsachen nur durch Hörensagen sammeln kann, wird nicht gesagt. Seine Behauptung ist jedenfalls höchst leichtfertig. Die fraglichen Tatsachen sind beglaubigt durch authentische Beweisstücke, und die Betreffenden haben sich wohl gehütet, sie zu bestreiten.

Aber Freund Peter ist der Ansicht, daß Privattatsachen wie Privatbriefe heilig seien und nicht in politischen Debatten veröffentlicht werden dürfen. Wenn man dies so unbedingt gelten lassen will, so verbietet man damit jede Geschichtsschreibung. Das Verhältnis Ludwigs XV. zur Du Barry oder Pompadour war eine Privatsache, aber ohne sie ist die ganze Vorgeschichte der Französischen Revolution unverständlich. Oder, um näher an die Gegenwart zu treten: Wenn irgendeine unschuldige Isabella an einen Mann verheiratet wird, der nach der Behauptung von Sachkennern (Assessor Ulrichs z. B.) die Weiber nicht ausstehn kann und sich deshalb ausschließlich in Männer verliebt – wenn sie in ihrer Vernachlässigung die Männer nimmt, wo sie sie findet, so ist das reine Privatsache. Wenn aber besagte unschuldige Isabella Königin von Spanien ist und einer der jungen Männer, die sie sich hält, ein junger Offizier namens Serrano; wenn dieser Serrano, zum Lohn für seine unter vier Augen verrichteten Heldentaten, zum Feldmarschall und Ministerpräsidenten avanciert, dann durch einen anderen verdrängt und gestürzt wird, darauf sein untreues Schätzchen mit Hülfe anderer Schicksalsgenossen aus dem Lande jagt, nach allerhand Abenteuern endlich selbst Diktator von Spanien und ein so großer Mann wird, daß Bismarck alles aufbietet, damit die Großmächte ihn doch anerkennen – so wird die Privatgeschichte zwischen Isabella und Serrano ein Stück spanischer Geschichte, und wer über moderne spanische Geschichte schreiben und dies Stückchen seinen Lesern wissentlich verschweigen wollte, der würde eben Geschichte fälschen. Und wenn man die Geschichte einer Bande beschreibt, wie die Allianz, in der sich neben den Betrogenen eine solche Menge Betrüger, Abenteurer, Spitzbuben, Polizeispione, Schwindler und Feiglinge finden, soll man diese Geschichte fälschen, indem man die einzelnen Schuftereien dieser Herren als „Privattsachen“ wissentlich verheimlicht? Freund Peter mag sich darob entsetzen, aber er kann sich darauf verlassen, daß wir mit diesen „Privattsachen“ noch lange nicht fertig sind. Das Material häuft sich immer mehr.

Wenn aber das „Vorwärts“ den Bericht als ein wesentlich aus Privattatsachen zusammengesetztes Machwerk schildert, so begeht es eine Handlung, die schwer zu bezeichnen ist. Der Mann, der so etwas schreiben konnte, hatte entweder die fragliche Schrift gar nicht gelesen; oder er war zu beschränkt oder zu voreingenommen, sie zu verstehn; oder aber er schrieb etwas, von dem er wissen mußte, daß es nicht richtig war. Niemand kann das „Komplott gegen die Internationale“ lesen, ohne sich zu überzeugen, daß die darin eingestreuten Privattatsachen das Allerunwesentlichste sind, Illustrationen zur näheren Bezeichnung der darin vorkommenden Charaktere, und daß sie alle gestrichen werden können, ohne daß der Hauptzweck der Schrift darunter leidet. Die Organisation einer geheimen Gesellschaft, mit dem einzigen Zweck, die europäische Arbeiterbewegung der verborgenen Diktatur einiger Abenteurer zu unterwerfen, die zu diesem Zweck, besonders durch Netschajew in Rußland, begangenen Infamien – darum dreht sich das Buch, und zu behaupten, es drehe sich bloß um Privatsachen, ist, gelinde gesagt, unverantwortlich.

Allerdings mag es manchem Russen fatal gewesen sein, so plötzlich die schmutzige Seite – und sie ist allerdings sehr schmutzig – der russischen Bewegung dem Westen Europas schonungslos aufgedeckt zu sehn. Aber wer ist schuld daran? Wer anders, als diejenigen Russen selbst, die diese Schmutzseite vertreten, die, nicht damit zufrieden, ihre eigenen Landsleute zu betrügen, den Versuch wagten, die ganze europäische Arbeiterbewegung ihren persönlichen Zwecken dienstbar zu machen? Hätten Bakunin und Konsorten ihre Heldentaten auf Rußland beschränkt, schwerlich hätte jemand in Westeuropa es der Mühe wert gefunden, sie speziell aufs Korn zu nehmen. Die Russen selbst hätten das besorgt. Aber sobald jene Herren, die von den Bedingungen und dem Entwicklungsgang der westeuropäischen Arbeiterbewegung nicht die Anfangsgründe verstehen, bei uns Diktator spielen wollen, da hört der Spaß auf: man brennt ihnen einfach auf den Pelz.

Übrigens kann die russische Bewegung dergleichen Enthüllungen ruhig vertragen. Ein Land, das zwei Schriftsteller von der Größe Dobroljubows und Tschernyschewskis, zwei sozialistische Lessings, hervorgebracht hat, geht darum nicht zugrunde, weil es auf einmal einen Humbug wie Bakunin erzeugt und einige unreife Studentchen, die sich mit großen Worten froschartig aufblähen und schließlich sich untereinander auffressen. Und auch unter den jüngeren Russen kennen wir Leute von ausgezeichneter theoretischer wie praktischer Begabung und hoher Energie, Leute, die vor den Franzosen und Engländern, vermöge ihrer Sprachkenntnisse, die intime Bekanntschaft mit der Bewegung der verschiedenen Länder, vor den Deutschen die weltmännische Gewandtheit voraus haben. Diejenigen Russen, welche die Arbeiterbewegung verstehen und mitmachen, können es nur als einen ihnen geleisteten Dienst ansehn, daß man sie von der Mitverantwortlichkeit für die bakunistischen Schurkereien befreit hat. Was alles jedoch das „Vorwärts“ nicht hindert, seinen Bericht mit den Worten zu schließen:

„Wir wissen nicht, was die Verfasser dieser Broschüre von den dadurch erzielten Resultaten halten. Die Mehrzahl unserer Leser würde wahrscheinlich das drückende Gefühl teilen, womit wir sie gelesen und womit wir in Erfüllung unserer Pflicht als Chronisten diese traurigen Erscheinungen in unsern Blättern verzeichnen.“

Mit diesem drückenden Gefühl Freund Peters schließt der erste Abschnitt unserer Erzählung. Der zweite beginnt mit folgendem Satz aus demselben Band des „Vorwärts“:

„Wir erfreuen unsre Leser noch mit einer andern Nachricht ähnlicher Art. Mit uns, in unsern Reihen befindet sich auch der bekannte Schriftsteller Peter Nikititsch Tkatschow; nach vierjähriger Haft ist es ihm gelungen, aus dem Orte, wo er interniert und zur Untätigkeit verdammt war, zu entkommen und unsere Reihen zu verstärken.“

Wer der bekannte Schriftsteller Tkatschow ist, das lernen wir aus einer russischen Broschüre: „Die Aufgaben der revolutionären Propaganda in Rußland“, die er selbst im April 1874 veröffentlicht hat und die ihn als einen grünen Gymnasiasten von seltner Unreife, sozusagen als das Karlchen Mißnick der russischen revolutionären Jugend kennzeichnet. Er erzählt uns, von vielen Seiten sei er aufgefordert worden, sich am „Vorwärts“ zu beteiligen; er habe gewußt, daß der Redakteur ein Reaktionär sei; trotzdem habe er es für seine Pflicht gehalten, das „Vorwärts“ unter seine Fittiche zu nehmen, das, wohlgemerkt, ihn gar nicht verlangte. Kaum angekommen, findet er zu seinem Erstaunen, daß der Redakteur, Freund Peter, sich die endgültige Entscheidung über Aufnahme oder Verwerfung der Artikel anmaßt. Ein so undemokratisches Verfahren entrüstet ihn natürlich; er setzt ein ausführliches Schriftstück auf, worin er für sich und alle andern Mitarbeiter (die dies, wohlgemerkt, gar nicht verlangten) „im Namen der Gerechtigkeit, auf Grund rein theoretischer Erwägungen… Gleichheit der Rechte und Verpflichtungen“ (mit dem Hauptredakteur) „beansprucht in Beziehung auf alles, was die literarische und ökonomische Seite des Unternehmens betrifft“.

[„Der Volksstaat“
Nr.118 vom 8. Oktober 1874]

Hier zeigt sich gleich die Unreife, die in der russischen Flüchtlingsbewegung zwar nicht vorherrscht, aber doch mehr oder weniger geduldet wird. Ein russischer Gelehrter, der in seinem Lande einen bedeutenden Ruf hat, wird flüchtig und verschafft sich die Mittel, um im Auslande eine politische Zeitschrift zu gründen. Kaum ist er so weit, so kommt, unaufgefordert, ein beliebiger, mehr oder weniger begeisterter Jüngling und bietet seine Mitarbeiterschaft an, unter der mehr als kindlichen Bedingung, in allen literarischen und Geldfragen gleich entscheidende Stimme mit dem Stifter der Zeitschrift zu haben. In Deutschland hätte man ihn bloß ausgelacht. Aber die Russen sind nicht so grob. Freund Peter gibt sich alle Mühe, ihn ebenfalls „im Namen der Gerechtigkeit und auf Grund rein theoretischer Erwägungen“ von seinem Unrecht zu überzeugen, natürlich vergebens. Der beleidigte Tkatschow zieht sich wie Achilles in sein Zelt zurück und feuert daraus seine Broschüre ab gegen Freund Peter, den er als „Philisterphilosophen“ bezeichnet.

Mit einem erdrückenden Haufen ewig wiederholter bakunistischer Phrasen über das Wesen der wahren Revolution klagt er Freund Peter des Verbrechens an, das Volk für die Revolution vorbereiten, es zum „klaren Verständnis und Bewußtsein seiner Bedürfnisse“ bringen zu wollen. Wer das aber wolle, sei kein Revolutionär, sondern ein Mann des friedlichen Fortschritts, d.h. ein Reaktionär, ein Freund der „unblutigen Revolutionen nach deutschem Geschmack“. Der wahre Revolutionär „weiß, daß das Volk immer bereit ist zur Revolution“; wer das nicht glaubt, der glaubt nicht ans Volk, und der Glaube ans Volk „macht unsere Stärke aus“. Wem das nicht einleuchtet, für den zitiert der Verfasser einen Ausspruch Netschajews, dieses „typischen Vertreters unserer modernen Jugend“. Freund Peter sagt, wir sollen warten, bis das Volk zur Revolution bereit ist – „aber wir können und wir wollen nicht warten“, der wahre Revolutionär unterscheidet sich dadurch vom Philisterphilosophen, daß er sich „das Recht zuschreibt, jederzeit das Volk zur Revolution aufzurufen“. Und so weiter.

Bei uns, im europäischen Westen, würde man alle diese Kindereien einfach mit der Antwort niederschlagen: Wenn euer Volk jederzeit zur Revolution bereit ist, wenn ihr euch das Recht zuschreibt, es jederzeit zur Revolution aufzurufen, und wenn ihr denn platterdings nicht warten könnt, warum enuyiert ihr uns dann noch mit eurem Geschwätz, warum, zum Donnerwetter, schlagt ihr denn nicht los?

Aber so einfach macht sich die Sache bei unsern Russen nicht. Freund Peter findet, daß die kindischen, langweiligen, widerspruchsvollen, ewig sich im Kreise drehenden Betrachtungen Herrn Tkatschows auf die russische Jugend die verführerische Anziehungskraft eines Venusbergs ausüben könnten, und erläßt als der getreue Eckart dieser Jugend eine warnende Mahnschrift von sechzig enggedruckten Seiten dagegen. Hier legt er seine eigenen Ansichten vom Wesen der Revolution dar, untersucht alles Ernstes, ob das Volk für die Revolution bereit ist oder nicht, ob und unter welchen Bedingungen die Revolutionäre das Recht haben, es zur Revolution aufzurufen oder nicht, und dergleichen Spitzfindigkeiten mehr, die in dieser Allgemeinheit ungefähr ebensoviel Wert besitzen wie die Untersuchungen der Scholastiker über die Jungfrau Maria. „Die Revolution“ wird dabei selbst zu einer Art Jungfrau Maria, die Theorie ein Glaube, die Tätigkeit in der Bewegung ein Kultus, und die ganze Verhandlung geht nicht auf platter Erde vor sich, sondern in einem Wolkenhimmel allgemeiner Redensarten.

Dabei gerät aber Freund Peter in einen tragischen Widerspruch mit sich selbst. Er, der Prediger der Einigkeit, der Gegner aller Polemik, aller „sich gegenseitig anklagenden Pamphlete“ innerhalb der revolutionären Partei, kann natürlich seine Eckartspflicht nicht erfüllen, ohne ebenfalls in Polemik einzutreten, kann nicht auf die Anklagen seines Gegners antworten, ohne diesen ebenfalls anzuklagen. Mit welchem „drückenden Gefühl“ diese „traurige Erscheinung“ sich vollzieht, wird uns Freund Peter selbst sagen.

Seine Schrift beginnt wie folgt:

„Aus zweien Übeln muß man das kleinere wählen. Ich weiß sehr wohl, daß jene ganze Flüchtlingsliteratur von gegenseitig anklagenden Broschüren, von Polemik darüber, wer wirklicher Freund des Volkes ist und wer nicht, wer aufrichtig und wer nicht, und wer namentlich ein wirklicher Vertreter der russischen Jugend, der wahren revolutionären Partei ist – daß jene ganze Literatur über den persönlichen Kehricht der russischen Emigration sowohl den Lesern widerwärtig wie für den revolutionären Kampf bedeutungslos ist und nur für unsere Feinde erfreulich sein kann – ich weiß das und dennoch finde ich, daß es für mich notwendig ist, diese Zeilen zu schreiben, notwendig, mit eigener Hand die Menge dieser jammervollen Schriften um ein Stück zu vermehren, den Lesern zur Langweile, den Feinden zur Ergötzung – notwendig, weil man aus zweien Übeln das kleinere wählen muß.“

Vortrefflich. Aber wie kommt es, daß Freund Peter, der im „Vorwärts“ soviel wahrhaft christliche Duldsamkeit entwickelt und von uns verlangt für die von uns enthüllten Schwindler – Schwindler, die er, wie sich zeigen wird, ebenso genau kennt wie wir –, daß er für die Verfasser des Berichts nicht einmal das bißchen Duldsamkeit übrig hatte, um sich zu fragen, ob nicht auch sie – aus zweien Übeln das kleinere wählen mußten? Daß ihm das Feuer erst auf seinen eigenhändigen Nägeln brennen muß, ehe er zur Einsicht kommt, es könne auch noch größere Übel geben als ein bißchen scharfe Polemik gegen Leute, die unter dem Deckmantel angeblich revolutionärer Tätigkeit die ganze europäische Arbeiterbewegung zu verfälschen und zu vernichten strebten?

Seien wir indessen nachsichtig mit Freund Peter, das Schicksal hat ihn hart genug mitgenommen. Kaum hat er mit vollem Schuldbewußtsein das tun müssen, was er uns vorwirft, so treibt ihn die Nemesis weiter und zwingt ihn, Herrn Karl Thaler neues Material für etwaige Feuilletons in der „Neuen Fr. Presse“ zu liefern.

„Oder“, fragt er den stets bereiten Losschläger Tkatschow, „hat eure Agitation ihre Arbeit schon vollbracht? Ist eure Organisation vielleicht fertig? Fertig? Wirklich fertig? Und haben wir da nicht jenes famose geheime comité ‚typischer‘ Revolutionäre, das comité, das aus zwei Mann besteht und Dekrete herumschickt? Man hat unserer Jugend so viel vorgelogen, sie so oft geprellt, ihr Vertrauen so schmählich gemißbraucht, daß sie nicht mit einem Male an die Fertigkeit der revolutionären Organisation glauben wird.“

Daß die „zwei Mann“ Bakunin und Netschajew heißen, braucht natürlich für den russischen Leser nicht hinzugefügt zu werden. Ferner:

„Aber es gibt Leute, die da vorgeben, sie seien Freunde des Volkes, Anhänger der sozialen Revolution, und die gleichzeitig in ihre Tätigkeit hineinbringen jene Lügen haftigkeit und Unaufrichtigkeit, die ich oben als ein Aufrührspulen der alten Gesellschaft bezeichnet habe... Diese Leute benutzten die Erbitterung der Anhänger der neuen Gesellschaftsordnung gegen die Ungerechtigkeit der alten Gesellschaft und stellten das Prinzip auf: im Kampf ist jedes Mittel brauchbar. Zu diesen brauchbaren Mitteln rechneten sie den Betrug gegen ihre Mitarbeiter, den Betrug gegen das Volk, dem sie doch zu dienen vorgaben. Sie waren bereit, alle und jeden zu belügen, um nur eine hinreichend starke Partei zu organisieren, als ob eine starke sozialrevolutionäre Partei hergestellt werden könnte ohne aufrichtige Solidarität ihrer Mitglieder! Sie waren bei der Hand, im Volke anzufachen die alten Leidenschaften des Räubertums und des Genusses ohne Arbeit... Sie waren bei der Hand, ihre Freunde und Genossen auszubeuten, um sie zu Werkzeugen ihrer Pläne zu machen; sie waren bei der Hand, in Worten die vollständigste Unabhängigkeit und Autonomie der Personen und Sektionen zu verteidigen, während sie gleichzeitig die entschiedenste geheime Diktatur organisierten und ihre Anhänger zum schafsmäßigsten, gedankenlosesten Gehorsam abrichteten, als ob die soziale Revolution gemacht werden könne von einer Vereinigung von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von einer Gruppe von Leuten, deren Handlungen bei jedem Schritte allem ins Gesicht schlagen, was ihre Worte predigen!“

Es ist unglaublich, aber es ist wahr: Diese Zeilen, die einem Auszug aus dem „Komplott gegen die Internationale“ so ähnlich sehen wie ein Ei dem andern, sind geschrieben von demselben Manne, der wenige Monate vorher jene Schrift, wegen ihrer mit obigen Zeilen genau stimmenden Angriffe gegen dieselben Leute, als ein Verbrechen an der gemeinsamen Sache dargestellt hatte. Nun, wir können zufrieden sein.

Und wenn wir jetzt zurückblicken auf Herrn Tkatschow mit seinen großen Ansprüchen und absolut nichtigen Leistungen und auf das kleine Malheur, das unserm Freund Peter bei dieser Gelegenheit passiert ist, so wäre an uns die Reihe, zu sagen:

„Wir wissen nicht, was die Verfasser von den erzielten Resultaten halten. Die Mehrzahl unserer Leser wird wahrscheinlich das ‚anheiternde‘ Gefühl teilen, womit wir sie gelesen und womit wir in Erfüllung unserer Pflicht als Chronisten diese ‚eigentümlichen‘ Erscheinungen in unsern Blättern verzeichnen.“

Doch Spaß beiseite. Eine Menge befremdlicher Erscheinungen in der bisherigen russischen Bewegung erklärt sich daraus, daß lange Zeit jede russische Schrift dem Westen ein Buch mit sieben Siegeln war und daß es daher den Bakunin und Konsorten leicht wurde, ihr unter den Russen längst bekanntes Treiben dem Westen zu verbergen. Mit Eifer verbreiteten sie die Behauptung, selbst die Schmutzseiten der russischen Bewegung müßten – im Interesse der Bewegung selbst – dem Westen verheimlicht werden; wer Russisches, soweit es unangenehmer Natur war, dem übrigen Europa mitteile, der sei ein Verräter. Das hat jetzt aufgehört. Die Kenntnis der russischen Sprache – einer Sprache, die sowohl um ihrer selbst willen, als einer der kraftvollsten und reichsten lebenden Sprachen, wie wegen der durch sie aufgeschlossenen Literatur das Studium reichlich lohnt – ist wenigstens unter den deutschen Sozialdemokraten keine so große Seltenheit mehr. Die Russen werden sich in das unvermeidliche internationale Schicksal fügen müssen, daß ihre Bewegung fortan unter den Augen und der Kontrolle des übrigen Europas vor sich geht. Niemand hat die frühere Abgeschlossenheit so schwer zu büßen gehabt wie sie selbst. Ohne diese Abgeschlossenheit hätten sie nie jahrelang so schmählich beschwindelt werden können, wie dies von Bakunin und Konsorten geschah. Wer von der Kritik des Westens, von der internationalen Wechselwirkung der verschiedenen westeuropäischen Bewegungen auf die russische und umgekehrt, von endlich sich vollziehenden Verschmelzung der russischen Bewegung mit der gesamteuropäischen, am meisten Nutzen ziehen wird, das sind die Russen selbst.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 18, Berlin: Dietz Verlag 1962, S. 536-545.