MEW/19/ME19-254.html

Friedrich Engels
Die Trade-Unions

I

[„The Labour Standard“
Nr. 4 vom 28. Mai 1881,
Leitartikel]

In unserer letzten Ausgabe1 betrachteten wir die Tätigkeit der Trade-Unions, insoweit sie das ökonomische Lohngesetz gegen die Unternehmer durchsetzen. Wir kehren zu diesem Thema zurück; denn es ist von höchster Wichtigkeit, daß die Arbeiterklasse es in ihrer Gesamtheit von Grund aus verstehe.

Wir nehmen an, kein englischer Arbeiter unserer Tage muß darüber belehrt werden, daß es ebenso im Interesse des einzelnen Kapitalisten wie der gesamten Kapitalistenklasse liegt, die Löhne so weit wie möglich zu senken. Das Arbeitsprodukt wird, wie David Ricardo unwiderleglich nachgewiesen hat, nach Abzug aller Unkosten in zwei Teile geteilt: Der eine bildet den Lohn des Arbeiters, der andere den Profit des Kapitalisten. Da nun das Nettoprodukt der Arbeit in jedem einzelnen Fall eine gegebene Größe darstellt, ist es klar, daß der eine Teil, Profit genannt, nicht zunehmen kann, ohne daß der andere Teil, Lohn genannt, sich verringert. Zu bestreiten, daß es im Interesse des Kapitalisten liegt, die Löhne zu senken, wäre gleichbedeutend mit der Behauptung, daß es nicht in seinem Interesse liege, seinen Profit zu steigern.

Wir wissen sehr gut, daß es andere Mittel gibt, den Profit vorübergehend zu steigern; sie ändern aber das allgemeine Gesetz nicht und brauchen daher hier von uns nicht beachtet zu werden.

Wie können nun aber die Kapitalisten die Löhne senken, wenn die Lohnhöhe durch ein klares, genau bestimmtes ökonomisches Gesetz geregelt wird? Das ökonomische Lohngesetz existiert und ist unwiderleglich. Aber es ist, wie wir gesehen haben, elastisch, und zwar in doppelter Hinsicht. Der Lohn kann in einem einzelnen Gewerbezweig gesenkt werden – entweder direkt, durch schrittweise Gewöhnung der Arbeiter dieses Gewerbes an einen niedrigeren Lebensstandard, oder indirekt, durch Verlängerung des Arbeitstages (oder Steigerung der Arbeitsintensität während derselben Arbeitszeit) ohne Lohnerhöhung.

Das Interesse jedes einzelnen Kapitalisten, seinen Profit durch Senkung des Lohns seiner Arbeiter zu steigern, erhält einen neuen Antrieb durch die Konkurrenz der Kapitalisten ein und desselben Produktionszweigs untereinander. Jeder von ihnen ist bestrebt, seine Konkurrenten zu unterbieten, und wenn er seinen Profit nicht opfern will, muß er versuchen, den Lohn zu senken. Auf diese Weise wird der Druck auf den Lohn, hervorgerufen durch das Interesse jedes einzelnen Kapitalisten, infolge ihrer gegenseitigen Konkurrenz verzehnfacht. Was vorher eine Frage größeren oder geringeren Profits war, wird jetzt zu einer Frage der Notwendigkeit.

Gegenüber diesem ständigen, unaufhörlichen Druck hat die unorganisierte Arbeiterschaft keine wirksamen Mittel des Widerstands. Darum zeigt der Lohn in Produktionszweigen, in denen die Arbeiter nicht organisiert sind, eine ständig sinkende Tendenz und die Arbeitszeit eine ständig steigende Tendenz. Langsam aber sicher schreitet dieser Prozeß fort. Zeiten der Prosperität mögen ihn hier und da unterbrechen, Zeiten schlechten Geschäftsgangs jedoch beschleunigen ihn nachher wieder um so mehr. Die Arbeiter gewöhnen sich nach und nach an einen immer niedrigeren Lebensstandard. Während die Arbeitszeit eine Tendenz zur Verlängerung zeigt, nähern die Löhne sich immer mehr ihrem absoluten Minimum – jener Summe, unterhalb derer es für den Arbeiter völlig unmöglich wird, zu leben und sein Geschlecht fortzupflanzen.

Eine vorübergehende Ausnahme hiervon gab es um den Beginn dieses Jahrhunderts. Die sich rasch ausdehnende Anwendung von Dampfkraft und Maschinen reichte für die noch schneller wachsende Nachfrage nach ihren Produkten nicht aus. In diesen Produktionszweigen war der Lohn in der Regel hoch, mit Ausnahme des Lohns von Kindern, die vom Arbeitshaus an den Fabrikanten verkauft wurden; der Lohn für qualifizierte Handarbeit, ohne die man nicht auskommen konnte, war sehr hoch; was ein Färber, ein Mechaniker, ein Samtscherer, ein Spinner an der Hand-Mule damals erhielt, klingt heute märchenhaft. Zur selben Zeit waren die Gewerbe, welche durch Maschinen verdrängt wurden, zum langsamen Absterben verurteilt. Neugefundene Maschinen verdrängten aber allmählich diese gutbezahlten Arbeiter; es wurden Maschinen erfunden, mit denen Maschinen hergestellt wurden, und zwar in einem solchen Ausmaß, daß das Angebot maschinell hergestellter Waren die Nachfrage nicht nur deckte, sondern sogar überstieg. Als durch den allgemeinen Frieden im Jahre 1815 der regelmäßige Handelsverkehr wiederhergestellt wurde, nahmen die Zehnjahreszyklen von Prosperität, Überproduktion und Krise ihren Anfang. Alle Vorteile, welche die Arbeiter aus früheren Prosperitätsperioden gerettet und vielleicht während der Periode stürmischer Überproduktion sogar noch vergrößert hatten, wurden ihnen jetzt, in der Zeit des schlechten Geschäftsgangs und der Krise, wieder entrissen; und bald war die in den Fabriken arbeitende Bevölkerung Englands dem allgemeinen Gesetz unterworfen, nach dem der Lohn der unorganisierten Arbeiter ständig dem absoluten Minimum zustrebt.

Inzwischen jedoch waren auch die 1824 legalisierten Trade-Unions auf den Plan getreten, und das war die höchste Zeit. Die Kapitalisten sind immer organisiert. In den meisten Fällen brauchen sie keinen formellen Verband, keine Statuten, keine Funktionäre etc. Ihre im Vergleich zu den Arbeitern geringe Zahl, der Umstand, daß sie eine besondere Klasse bilden, ihr ständiger gesellschaftlicher und geschäftlicher Verkehr untereinander machen das alles überflüssig; erst später, wenn ein Industriezweig in einem Gebiet vorherrschend geworden ist, wie zum Beispiel die Baumwollindustrie in Lancashire, wird eine formelle Trade-Union der Kapitalisten notwendig. Die Arbeiter dagegen können von allem Anfang an nicht ohne starke Organisation mit genau festgelegten Statuten auskommen, die ihren Einfluß durch Funktionäre und Komitees ausübt. Durch das Gesetz von 1824 wurden diese Organisationen legal. Seit jenem Tage ist die Arbeiterschaft in England eine Macht geworden. Die Masse war jetzt nicht länger hilflos und in sich selbst gespalten wie früher. Zu der Stärke, die ihr Koalition und gemeinsames Handeln verliehen, kam bald die Kraft einer wohlgefüllten Kasse – des „Widerstandsgeldes“, wie der bezeichnende Ausdruck unserer französischen Brüder lautet. Die ganze Sachlage änderte sich jetzt. Für den Kapitalisten wurde es eine riskante Sache, den Lohn zu senken oder die Arbeitszeit zu verlängern.

Daher die Wutausbrüche der Kapitalistenklasse jener Zeit gegen die Trade-Unions. Diese Klasse hatte ihre langgeübte Praxis, die Arbeiterklasse zu schinden, stets als gesetzlich verbrieftes Vorrecht betrachtet. Dem sollte nun Einhalt geboten werden. Kein Wunder, daß die Kapitalisten in heftiges Geschrei ausbrachen und sich in ihren Rechten und in ihrem Besitz mindestens ebensosehr beeinträchtigt fühlten wie die irischen Landlords unserer Tage[165]1.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 19, Berlin: Dietz Verlag 1962, S. 254-256.