Sechzig Jahre Kampferfahrung haben sie etwas einsichtiger gemacht. Die Trade-Unions sind jetzt eine anerkannte Einrichtung geworden, und ihre Funktion als mitbestimmender Faktor bei Lohnregelungen ist in demselben Maße anerkannt wie die Funktion der Fabrikgesetze als bestimmende Faktoren bei der Regelung der Arbeitszeit. Ja, die Baumwollfabrikanten in Lancashire sind neuerdings sogar bei den Arbeitern in die Schule gegangen und verstehen es jetzt, einen Streik zu organisieren, wenn das in ihrem Interesse liegt, und zwar ebensogut oder besser als jede Trade-Union.
So ist es also eine Folge des Wirkens der Trade-Unions, daß gegen den Widerstand der Unternehmer das Lohngesetz durchgesetzt wird, daß die Arbeiter jedes gut organisierten Gewerbezweigs in der Lage sind, wenigstens annähernd, den vollen Wert ihrer Arbeitskraft zu erhalten, die sie dem Unternehmer vermieten, und daß mit Hilfe von Staatsgesetzen die Arbeitszeit wenigstens nicht allzusehr jene Höchstdauer überschreitet, über die hinaus die Arbeitskraft vorzeitig erschöpft wird. Das ist aber auch das Höchstmaß dessen, was für die Trade-Unions, wie sie gegenwärtig organisiert sind, überhaupt erreichbar ist, und auch das nur unter ständigen Kämpfen, mit ungeheurem Verschleiß an Kraft und Geld; und dann machen die Konjunkturschwankungen, alle zehn Jahre mindestens einmal, das Errungene im Handumdrehen wieder zunichte, und der Kampf muß von neuem durchgefochten werden. Das ist ein verhängnisvoller Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Arbeiterklasse bleibt, was sie war und als was unsere chartistischen Vorväter sie rundheraus bezeichneten – eine Klasse von Lohnsklaven. Soll dies das Endergebnis von soviel Arbeit, Selbstaufopferung und Leiden sein? Soll dies für immer das höchste Ziel der englischen Arbeiter bleiben? Oder soll die Arbeiterklasse hierzulande nicht endlich versuchen, diesen verhängnisvollen Kreis zu durchbrechen und einen Ausweg aus ihm zu finden in einer Bewegung für die Abschaffung des Lohnsystems überhaupt?
Nächste Woche werden wir die Rolle untersuchen, die die Trade-Unions als Organisatoren der Arbeiterklasse spielen.
II
[The Labour Standard
Nr. 5 vom 4. Juni 1881,
Leitartikel]
Wir haben bisher die Funktionen der Trade-Unions nur insoweit betrachtet, als sie zur Regelung der Lohnhöhe beitragen und dem Arbeiter in seinem Kampf gegen das Kapital wenigstens einige Mittel sichern, mit denen er sich zur Wehr setzen kann. Mit diesem Gesichtspunkt jedoch ist unser Thema nicht erschöpft.
Wir sprachen vom Kampf des Arbeiters gegen das Kapital. Dieser Kampf existiert, was immer die Apologeten des Kapitals auch dagegen sagen mögen. Er wird existieren, solange eine Lohnsenkung das sicherste und bequemste Mittel zur Steigerung des Profits bleibt, ja darüber hinaus, solange das Lohnsystem überhaupt existieren wird. Das bloße Vorhandensein von Trade-Unions beweist diese Tatsache zur Genüge; wenn sie nicht zum Kampf gegen die Übergriffe des Kapitals geschaffen worden sind, wozu sind sie dann geschaffen? Es hat keinen Zweck, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Durch keine noch so schönen Worte kann die häßliche Tatsache verdeckt werden, daß die gegenwärtige Gesellschaft im wesentlichen in zwei große, antagonistische Klassen gespalten ist – auf der einen Seite die Kapitalisten, denen alle Produktionsmittel gehören, auf der anderen Seite die Arbeiter, die nichts besitzen als die eigene Arbeitskraft. Das Arbeitsprodukt der letztgenannten Klasse muß zwischen beiden Klassen geteilt werden, und gerade um diese Teilung tobt ununterbrochen der Kampf. Jede Klasse versucht einen möglichst großen Anteil zu erlangen; und das seltsamste an diesem Kampfe ist, daß die Arbeiterklasse, obwohl sie nur um einen Anteil an ihrem eigenen Produkt kämpft, oft genug beschuldigt wird, sie beraube eigentlich den Kapitalisten!
Ein Kampf zwischen zwei großen Gesellschaftsklassen wird jedoch unvermeidlich zu einem politischen Kampf. So war es mit dem langen Kampf zwischen der Mittel- oder Kapitalistenklasse und der Grundbesitzeraristokratie; so ist es auch mit dem Kampf zwischen der Arbeiterklasse und eben diesen Kapitalisten. In jedem Kampf von Klasse gegen Klasse ist das unmittelbare Ziel, um das gekämpft wird, die politische Macht; die herrschende Klasse verteidigt ihre politische Vorherrschaft, das heißt ihre sichere Mehrheit in den gesetzgebenden Körperschaften; die untere Klasse kämpft zuerst um einen Anteil an dieser Macht, später um die ganze Macht, um in die Lage zu kommen, die bestehenden Gesetze entsprechend ihren eigenen Interessen und Bedürfnissen zu ändern. So kämpfte die Arbeiterklasse Großbritanniens jahrelang leidenschaftlich und sogar unter Anwendung von Gewalt für die Volks-Charte, die ihr diese politische Macht geben sollte; sie erlitt eine Niederlage, aber der Kampf hatte auf die siegreiche Mittelklasse einen solchen Eindruck gemacht, daß diese seitdem schon froh war, um den Preis immer neuer Zugeständnisse an das werktätige Volk, einen längeren Waffenstillstand zu erkaufen.
Nun ist in einem politischen Kampf von Klasse gegen Klasse die Organisation die wichtigste Waffe. Und in demselben Maße, wie die bloß politische, die chartistische Organisation zerfiel, in demselben Maße wurde die Organisation der Trade-Unions immer stärker, bis sie jetzt eine solche Stärke erreicht hat, daß sich mit ihr keine ausländische Arbeiterorganisation vergleichen kann. Einige wenige große Trade-Unions, ein bis zwei Millionen Arbeiter umfassend und von den kleineren oder lokalen Verbänden unterstützt, stellen eine Macht dar, mit der jede Regierung der herrschenden Klasse, gleichviel ob Whig oder Tory, rechnen muß.
Entsprechend den Traditionen ihrer Entstehung und Entwicklung hierzulande haben sich diese mächtigen Organisationen bisher fast ausschließlich auf die Funktion beschränkt, bei der Lohn- und Arbeitszeitregelung mitzuwirken und die Abschaffung offen arbeiterfeindlicher Gesetze zu erzwingen. Wie bereits gesagt, taten sie dies mit geradesoviel Erfolg, wie sie mit Recht erwarten durften. Sie erreichten aber noch mehr: Die herrschende Klasse, die die Stärke der Trade-Unions besser kennt als diese selbst, machte ihnen aus freien Stücken Zugeständnisse, die noch darüber hinausgingen. Die Ausdehnung des Wahlrechts auf alle Haushaltsvorstände durch Disraeli gab mindestens dem größeren Teil der organisierten Arbeiterklasse das Stimmrecht. Hätte er das vorgeschlagen, wenn er nicht angenommen hätte, daß diese neuen Wähler einen eigenen Willen äußern – daß sie künftig nicht mehr liberalen Politikern der Mittelklasse ihre Führung überlassen würden? Wäre er imstande gewesen, das durchzusetzen, wenn das werktätige Volk bei der Leitung seiner riesigen Gewerkschaftsverbände nicht die Fähigkeit zu administrativer und politischer Arbeit bewiesen hätte?
Gerade diese Maßnahme eröffnete neue Perspektiven für die Arbeiterklasse. Sie verschaffte ihr in London und in allen Industriestädten die Mehrheit und setzte sie damit in den Stand, den Kampf gegen das Kapital mit neuen Waffen zu führen, indem sie Männer ihrer eigenen Klasse ins Parlament entsandte. Aber wir müssen leider sagen, daß die Trade-Unions hier ihre Pflicht als Vorhut der Arbeiterklasse vergessen haben. Die neue Waffe befindet sich jetzt seit mehr als zehn Jahren in ihren Händen, aber sie haben sie kaum je aus der Scheide gezogen. Sie sollten nicht vergessen, daß sie die Stellung, die sie heute innehaben, nicht auf die Dauer halten können, wenn sie nicht wirklich an der Spitze der Arbeiterklasse marschieren. Es ist geradezu widernatürlich, daß die englische Arbeiterklasse, obwohl sie die Kraft besitzt, vierzig oder fünfzig Arbeiter ins Parlament zu schicken, sich für ewig damit zufriedengeben sollte, sich von Kapitalisten oder ihren Handlangern, wie Rechtsanwälten, Redakteuren etc. vertreten zu lassen.
Überdies sind eine Menge Anzeichen dafür vorhanden, daß die englische Arbeiterklasse zu dem Bewußtsein erwacht, geraume Zeit einen falschen Weg gegangen zu sein; daß die gegenwärtigen Bewegungen, ausschließlich für höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit, sie in einen verhängnisvollen Kreis bannen, aus dem es kein Entrinnen gibt; daß das Grundübel nicht in den niedrigen Löhnen liegt, sondern im Lohnsystem selbst. Diese Erkenntnis, einmal in der Arbeiterklasse allgemein verbreitet, muß die Stellung der Trade-Unions wesentlich ändern. Sie werden nicht länger das Vorrecht genießen, die einzigen Organisationen der Arbeiterklasse zu sein. Neben den Verbänden in den einzelnen Industriezweigen oder über ihnen muß ein Gesamtverband, eine politische Organisation der Arbeiterklasse als Ganzes entstehen.
Demnach täten die Trade-Unions gut daran, zweierlei zu berücksichtigen: Erstens, daß die Zeit rasch herannaht, da die Arbeiterklasse hierzulande mit nicht mißzuverstehender Stimme ihren vollen Anteil an der Vertretung im Parlament fordern wird; zweitens, daß ebenso rasch die Zeit herannaht, da die Arbeiterklasse begreifen wird, daß der Kampf für hohe Löhne und kurze Arbeitszeit und die ganze Tätigkeit der Trade-Unions in ihrer jetzigen Form nicht Selbstzweck, sondern Mittel ist, ein sehr notwendiges und wirksames Mittel, aber doch nur eines von verschiedenen Mitteln zu einem höheren Ziel: der Abschaffung des Lohnsystems überhaupt.
Für die vollgültige Vertretung der Arbeiterschaft im Parlament sowie für die Vorbereitung zur Abschaffung des Lohnsystems werden Organisationen, nicht einzelner Industriezweige, sondern der Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit notwendig sein. Und je eher sie auf den Plan treten, desto besser. Es gibt keine Macht in der Welt, die der englischen Arbeiterklasse auch nur einen einzigen Tag widerstehen könnte, wenn sie sich in ihrer Gesamtheit organisiert.
Aus dem Englischen.