MEW/22/ME22-013.html

I

Wir, die westeuropäische Arbeiterpartei1, haben ein doppeltes Interesse am Sieg der russischen revolutionären Partei.

Einmal, weil das russische Zarenreich die große Hauptfestung, Reservestellung und Reservearmee zugleich der europäischen Reaktion bildet, weil seine bloße passive Existenz bereits eine Drohung und Gefahr für uns ist.

Zweitens aber – und dieser Punkt ist von unserer Seite noch immer nicht genug hervorgehoben –, weil es durch seine unaufhörliche Einmischung in die Angelegenheiten des Westens unsere normale Entwicklung hemmt und stört, und zwar mit dem Zweck, sich geographische Positionen zu erobern, die ihm die Herrschaft über Europa sichern und damit den Sieg des europäischen Proletariats unmöglich machen würden2.

Es ist das Verdienst von Karl Marx, zuerst und wiederholt seit 1848 betont zu haben, daß die westeuropäische Arbeiterpartei aus diesem letzten Grunde genötigt sei, mit dem russischen Zarentum einen Krieg auf Leben und Tod zu führen. Wenn ich in demselben Sinn auftrete, bin ich auch hier nur der Fortsetzer meines verstorbenen Freundes, hole nach, was ihm zu tun nicht vergönnt war.3

Auch unter den russischen Revolutionären herrscht manchmal noch eine relativ große Unbekanntschaft mit dieser Seite der russischen Geschichte. Einerseits, weil in Rußland selbst darüber nur die offizielle Legende geduldet wird; anderseits bei manchen, weil man die Zarenregierung zu sehr verachtet, sie unfähig hält, irgend etwas Rationelles zu tun, unfähig teils aus Beschränktheit, teils aus Korruption. Für die innere Politik ist dies ja auch richtig; hier liegt die Impotenz des Zarentums offen zutage. Man muß aber nicht nur die Schwächen, sondern auch die Stärken des Gegners kennen. Und die auswärtige Politik ist unbedingt die Seite, wo das Zarentum stark, sehr stark ist. Die russische Diplomatie bildet gewissermaßen einen modernen Jesuitenorden, mächtig genug, im Notfall selbst zarische Launen zu überwinden und der Korruption in seinem eigenen Innern Herr zu werden, um sie desto reichlicher nach außen auszustreuen; einen Jesuitenorden, rekrutiert ursprünglich und vorzugsweise aus Fremden, Korsen wie Pozzo di Borgo, Deutschen wie Nesselrode, Ostseedeutschen wie Lieven, wie seine Stifterin Katharina II. eine Fremde war.

Der altrussische hohe Adel hatte noch zu viele weltliche Privat- und Familieninteressen, er besaß nicht die unbedingte Zuverlässigkeit, die der scheitern. Selbst ein Tory alter Schule, der sah, daß in England bisher allein die Tories Rußland wirksamen Widerstand geleistet hatten und daß das Tun und Handeln englischer und ausländischer Liberaler, einschließlich der gesamten revolutionären Bewegung auf dem Kontinent, gewöhnlich dieser Macht zum Vorteil gereichte, glaubte Urquhart, daß man, um russischen Übergriffen wirklichen Widerstand entgegenzusetzen, ein Tory (oder aber ein Türke) sein müsse und daß jeder Liberale und Revolutionär, bewußt oder unbewußt, ein Werkzeug Rußlands sei. Seine ständige Beschäftigung mit der russischen Diplomatie brachte Urquhart zu der Überzeugung, daß sie etwas Allmächtiges, daß sie der wirklich einzige aktive Faktor in der modernen Geschichte sei, in dessen Händen alle anderen Regierungen nur passive Werkzeuge seien; so daß man nicht verstehen kann – wenn man nicht seine ebenso übertriebene Bewertung der Stärke der Türkei kennt –, warum diese allmächtige russische Diplomatie sich nicht schon längst Konstantinopels bemächtigt hat. Um so alle neuere Geschichte seit der französischen Revolution auf ein diplomatisches Schachspiel zwischen Rußland und der Türkei zurückzuführen, in dem die anderen europäischen Staaten nur Schachfiguren Rußlands sind, mußte sich Urquhart selbst als eine Art orientalischer Prophet aufspielen, der statt einfacher historischer Tatsachen eine geheime esoterische Doktrin in einer geheimnisvollen, hyperdiplomatischen Sprache verkündete – eine Doktrin, die voller Anspielungen auf wenig bekannte und kaum jemals klar bewiesene Tatsachen war – und der als unfehlbare Allheilmittel gegen die Suprematie der russischen über die englische Diplomatie vorschlug, die gerichtliche Verantwortlichkeit der Minister wieder einzuführen und das Kabinett durch den Geheimen Rat zu ersetzen. Urquhart war ein Mann mit großen Verdiensten und obendrein ein wirklicher englischer Gentleman alter Schule; aber russische Diplomaten könnten gut und gern sagen: „Si M. Urquhart n'existait pas, il faudrait l'inventer.“ [„Wenn es Herrn Urquhart nicht gäbe, müßte man ihn erfinden.“]

Dienst dieses neuen Ordens beanspruchte. Und da man ihm nicht die persönliche Besitzlosigkeit und das Zölibat der katholischen Jesuitenpriester auflegen konnte, begnügte man sich damit, ihm zunächst nur sekundäre und Repräsentationsposten, Gesandtschaften usw. anzuvertrauen und so allmählich eine Schule einheimischer Diplomaten heranzubilden. Bis jetzt hat nur ein Vollblutrusse, Gortschakow, die höchste Stelle in diesem Orden bekleidet, und sein Nachfolger, von Giers, trägt wieder fremden Namen.

Es ist diese ursprünglich aus fremden Abenteurern rekrutierte geheime Gesellschaft, die das Russische Reich auf seine gegenwärtige Machtfülle gehoben hat. Mit eiserner Ausdauer, unverrückt den Blick aufs Ziel geheftet, vor keinem Treubruch, keinem Verrat, keinem Meuchelmord, keiner Kriecherei zurückschreckend, Bestechungsgelder mit vollen Händen austeilend, durch keinen Sieg übermütig, durch keine Niederlage verzagt gemacht, über die Leichen von Millionen Soldaten und wenigstens eines Zaren hinweg, hat diese ebenso gewissenlose wie talentvolle Bande mehr als alle russischen Armeen dazu beigetragen, die Grenzen Rußlands vom Dnepr und der Dwina bis über die Weichsel, bis an den Pruth, die Donau und das Schwarze Meer, vom Don und der Wolga bis über den Kaukasus und zu den Quellgebieten des Oxus und Jaxartes vorzuschieben, Rußland groß, gewaltig, gefürchtet zu machen und ihm den Weg zur Weltherrschaft zu eröffnen. Dadurch aber hat sie auch die Zarenmacht nach innen gestärkt. Für das vulgär-patriotische Publikum wiegt der Siegesruhm, die einander folgenden Eroberungen, die Macht und der Glanz des Zarentums alle seine Sünden, allen Despotismus, alle Ungerechtigkeit und Willkür reichlich auf; die Großprahlerei des Chauvinismus entschädigt reichlich für alle Fußtritte. Und zwar um so mehr, je weniger in Rußland die wirklichen Ursachen und Einzelheiten dieser Erfolge bekannt und durch eine offizielle Legende ersetzt sind, wie wohlwollende Regierungen solche überall (z. B. in Frankreich und Preußen) zum Besten der Untertanen und zur Beförderung des Patriotismus erfinden. Welcher Russe also Chauvinist ist, der wird auch früher oder später auf die Knie fallen vor dem Zarentum, wie wir das erlebt haben bei Tichomirow.

Wie aber konnte eine solche Abenteurerbande dahin kommen, einen so gewaltigen Einfluß auf die europäische Geschichte zu erobern? Sehr einfach. Sie haben nicht etwas Neues aus Nichts geschaffen, sie haben nur eine vorhandene tatsächliche Situation richtig ausgebeutet. Die russische Diplomatie hat für alle ihre Erfolge eine sehr handgreifliche materielle Unterlage.

Sehen wir uns Rußland an in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Ein schon damals riesiges Gebiet, bewohnt von einer Rasse von seltener Homogenität. Dünne Bevölkerung, aber sich rasch vermehrend; also sicherer Machtzuwachs vermöge bloßer Zeitdauer. Diese Bevölkerung, geistig stagnierend, ohne alle Initiative, aber innerhalb der Schranken ihrer hergebrachten Daseinsweise unbedingt zu allem zu gebrauchen; zäh, tapfer, gehorsam, allen Strapazen gewachsen, ein unübertreffliches Soldatenmaterial für die Kriege jener Zeit, wo das Gefecht geschlossener Massen entschied. Das Land selbst nur mit einer, der westlichen Seite, Europa zugekehrt, also auch nur dort angreifbar; ohne Zentrum, dessen Eroberung den Frieden aufzwingen könnte; durch Unwegsamkeit, Ausdehnung, Armut an Hilfsquellen vor Eroberung fast absolut geschützt – hier war eine unangreifbare Machtstellung gegeben für jeden, der sie zu benutzen verstand, um von hier aus in Europa sich ungestraft Dinge erlauben zu können, die jeder andern Regierung Krieg über Krieg zugezogen hätten.

Stark bis zur Unangreifbarkeit in der Verteidigung, war Rußland entsprechend schwach im Angriff. Die Zusammenziehung, Organisation, Ausrüstung, Bewegung seiner Armeen im Innern stieß auf die größten Hindernisse, und zu allen materiellen Schwierigkeiten kam dann noch die grenzenlose Korruption der Beamten und Offiziere. Alle Versuche, Rußland auf großem Maßstab angreifsfähig zu machen, sind bis jetzt gescheitert, und wahrscheinlich wird der letzte, gegenwärtige Versuch, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, erst recht scheitern. Man kann hier sagen, daß die Hindernisse fast wachsen wie die Quadrate der zu organisierenden Massen, auch abgesehen von der Unmöglichkeit, bei so geringer städtischer Bevölkerung die jetzt nötige ungeheure Menge von Offizieren zu finden. Diese Schwäche blieb der russischen Diplomatie nie ein Geheimnis; daher hat sie von jeher den Krieg, wo es anging, vermieden, ihn nur als äußerstes Mittel zugelassen und auch dann nur unter den günstigsten Vorbedingungen. Nur solche Kriege können ihr passen, wo die Alliierten Rußlands die Hauptlast zu tragen, ihr Gebiet der Verwüstung des Kriegsschauplatzes preiszugeben, die große Masse der Kämpfer zu stellen haben und wo den russischen Truppen die Rolle der Reserven zufällt, die in den meisten Gefechtsfällen geschont werden, denen aber in allen großen Schlachten die mit relativ geringen Opfern verbundene Ehre der letzten Entscheidung zufällt – wie im Krieg 1813–1815. Ein Krieg unter so vorteilhaften Umständen ist aber nicht immer zu haben, und daher zieht die russische Diplomatie es vor, die widerstreitenden Interessen und Begehrlichkeiten der andern Mächte ihren Zwecken dienstbar zu machen, diese Mächte auf einander zu hetzen und ihre Feindschaften zu Nutzen der russischen Eroberungspolitik auszubeuten. Nur gegen entschieden Schwächere, wie Schweden, die Türkei, Persien, führt das Zarentum Krieg auf eigene Faust – da braucht es denn auch mit niemandem die Beute zu teilen.

Doch zurück zum Rußland von 1760. Dieses homogene, unangreifbare Land hatte zu Nachbarn lauter Länder, die sich scheinbar oder wirklich im Verfall befanden, sich der Auflösung näherten, also reine matière à conquêtes(1) waren. Im Norden Schweden, dessen Macht und Prestige gerade daran zugrunde gegangen war, daß Karl XII. versucht hatte, in Rußland einzudringen; er hatte damit Schweden ruiniert und die Unangreifbarkeit Rußlands evident gemacht. Im Süden die Türken und die ihnen tributpflichtigen Krim-Tataren, Trümmer vergangener Größe; die Angriffskraft der Türken gebrochen seit 100 Jahren, ihre Verteidigungskraft noch bedeutend, aber ebenfalls abnehmend; als bestes Zeichen dieser wachsenden Schwäche: beginnende rebellische Zuckungen unter den unterworfenen Christen, den Slawen, Rumänen und Griechen, die die Majorität der Bevölkerung der Balkanhalbinsel bildeten. Diese Christen, fast ausschließlich griechischen Ritus, waren so den Russen religionsverwandt und die Slawen unter ihnen, die Serben und Bulgaren, noch dazu ihnen stammverwandt. Rußland brauchte also nur seinen Beruf zum Schutz der unterdrückten griechischen Kirche und des gefesselten Slawentums zu proklamieren, und das Terrain für die Eroberung – unter dem Deckmantel der Befreiung – war hier vorbereitet. Desgleichen befanden sich südlich des Kaukasus kleine christliche Staaten und christliche Armenier unter türkischer Hoheit, zu deren „Befreier“ das Zarentum sich aufwerfen konnte. Und dann winkte hier im Süden dem lüsternen Eroberer ein Siegespreis, wie Europa keinen zweiten aufzuweisen hatte: die alte Hauptstadt des orientalischen Römerrichs, die Metropole der ganzen griechisch-katholischen Welt, die Stadt, deren russischer Name schon die Herrschaft über den Osten und das Prestige ausspricht, das ihren Besitzer in den Augen der orientalischen Christenheit umgibt: Konstantinopel-Zaregrad.

Zaregrad als dritte russische Hauptstadt neben Moskau und Petersburg, das hieß aber nicht nur moralische Herrschaft über die orientalische Christenheit, das war auch die entscheidende Etappe zur Herrschaft über Europa. Das war die Alleinherrschaft über das Schwarze Meer, Kleinasien, die Balkanhalbinsel. Das war, sobald der Zar wollte, die Schließung des Schwarzen Meeres für alle Handels- und Kriegsflotten außer der russischen schen, seine Verwandlung in einen russischen Kriegshafen und ein ausschließliches Manöverfeld der russischen Flotte, die aus dieser sichern Reservestellung durch den befestigten Bosporus ausfallen und zu ihr zurückflüchten konnte, sooft es ihr gefiel. Dann brauchte Rußland nur noch dieselbe Herrschaft, direkt oder indirekt, über den Sund und die Belte zu erringen, und es war unangreifbar auch zur See.

Die Herrschaft über die Balkanhalbinsel würde Rußland bis ans Adriatische Meer bringen. Und diese Grenze im Südwesten wäre unhaltbar, wenn nicht im Westen überhaupt die russische Grenze entsprechend vorgeschoben, seine Machtsphäre bedeutend ausgedehnt würde. Hier aber lagen die Verhältnisse fast noch günstiger.

Zunächst Polen, in völliger Zerrüttung, eine Adelsrepublik, begründet auf Aussaugung und Unterdrückung der Bauern, mit einer Verfassung, die jede nationale Aktion unmöglich und dadurch das Land zur offenen Beute der Nachbarn machte. Seit Anfang des Jahrhunderts lebte es nur, wie die Polen selbst sagten, durch die Unordnung (Polska nierządem stoi); das ganze Land war unaufhörlich von fremden Truppen besetzt und durchzogen, denen es als Wirts- und Speisehaus (karczma zajezdna, sagten die Polen) diente, wo sie aber in der Regel das Bezahlen vergaßen. Peter der Große hatte es schon systematisch ruiniert – hier brauchten seine Nachfolger nur noch zuzugreifen. Und dafür hatten sie außerdem noch einen Vorwand vermöge des „Nationalitätsprinzips“. Polen war kein homogenes Land. Um die Zeit, wo Großrußland unter das mongolische Joch kam, fanden Weißrußland und Kleinrußland Schutz gegen die asiatische Invasion, indem sie sich zum sogenannten Litauischen Reich vereinigten. Dies Reich vereinigte sich später aus freien Stücken mit Polen. Seitdem hatte sich, infolge der höheren Zivilisation der Polen, der weiß- und kleinrussische Adel stark polonisiert; auch waren zur Zeit der Jesuitenherrschaft in Polen, im 16. Jahrhundert, die griechisch-katholischen Russen Polens zur Vereinigung mit der römischen Kirche genötigt worden. Dies gab den großrussischen Zaren den willkommenen Vorwand, das ehemals litauische Gebiet als national-russisches, aber von Polen unterdrücktes Land zu reklamieren, obwohl wenigstens die Kleinrussen, nach dem größten lebenden Slawisten Miklosich, keinen bloß russischen Dialekt, sondern eine aparte Sprache sprechen, und den ferneren Vorwand, als Schützer des griechischen Bekenntnisses zugunsten der unierten Griechen sich einzumischen, obwohl diese sich längst mit ihrer Stellung zur römischen Kirche versöhnt hatten.

Jenseits Polens lag ein zweites Land, das der Zerrüttung unheilbar verfallen schien – Deutschland. Seit dem Dreißigjährigen Krieg war das Römisch-Deutsche Reich nur noch nominell ein Staat. Die Landeshoheit der Reichsfürsten näherte sich immer mehr der vollen Souveränität; ihre Macht, dem Kaiser zu trotzen, die in Deutschland das polnische liberum veto ersetzte, war im Westfälischen Frieden ausdrücklich unter Frankreichs und Schwedens Garantie gestellt, eine Stärkung der Zentralmacht also abhängig gemacht von der Zustimmung des Auslands, das alles Interesse daran hatte, diese Stärkung zu verhindern. Dazu war Schweden kraft seiner deutschen Eroberungen Mitglied des Deutschen Reichs mit Sitz und Stimme auf den Reichstagen. Bei jedem Krieg fand der Kaiser deutsche Reichsfürsten unter den Verbündeten seiner fremden Feinde, jeder Krieg war also zugleich ein Bürgerkrieg. Fast alle größeren und mittleren Reichsfürsten waren von Ludwig XIV. gekauft und das Land ökonomisch so ruiniert, daß ohne diese jährlichen Zuflüsse französischer Bestechungsgelder keine Möglichkeit gewesen wäre, überhaupt Geld als Umlaufsmittel im Lande zu behalten.(2) Der Kaiser suchte daher längst seine Stärke nicht in seinem Kaisertum, das ihm nur Geld kostete und nichts als Mühe und Sorgen einbrachte, sondern in seinen österreichischen, deutschen und außerdeutschen Erblanden. Und neben der österreichischen Hausmacht begann sich allmählich schon die preußische als Nebenbuhlerin zu entfalten.

So lagen die Dinge in Deutschland zu Peter des Großen Zeit. Dieser wirklich große Mann – ganz anders groß als Friedrich „der Große“, der gehorsame Knecht von Peters Nachfolgerin Katharina II. – war der erste, der die für Rußland so wunderbar günstige Lage Europas vollständig erfaßte. Wie er gegenüber Schweden, der Türkei, Persien, Polen die Grundzüge der russischen Politik mit klarem Blicke übersah, feststellte und ihre Ausführung einleitete – viel klarer, als dies in seinem sog. Testament geschieht, das das Werk eines Epigonen scheint –, so auch gegenüber Deutschland. Deutschland beschäftigte ihn mehr als irgendein anderes Land außer Schweden. Schweden mußte er brechen; Polen konnte er haben, sobald er die Hand ausstreckte; die Türkei lag ihm noch zu weit ab; aber in Deutschland festen Fuß zu fassen, die Stellung zu erhalten, die Frankreich so reichlich ausnutzte und die Schweden auszunutzen zu schwach war, das war eine Hauptaufgabe für ihn. Er tat alles, um durch Erwerbung deutschen Gebiets deutscher Reichsfürst zu werden, aber vergebens; er konnte nur das System der Verschwägerung mit deutschen Reichsfürsten und der diplomatischen Ausbeutung der deutschen inneren Zwistigkeiten einleiten.

Seit Peter hatte sich diese Lage noch bedeutend zugunsten Rußlands verschoben durch das Emporkommen Preußens. Dem deutschen Kaiser erwuchs hiermit im Reiche selbst ein fast ebenbürtiger Gegner, der die Spaltung Deutschlands verewigte und auf die Spitze trieb. Und gleichzeitig war dieser Gegner immer noch schwach genug, um auf die Hilfe Frankreichs oder Rußlands angewiesen zu sein – am meisten auf Rußlands Hilfe, so daß, je mehr er sich von der Vasallenschaft gegenüber dem Deutschen Reich emanzipierte, desto sicherer er der Vasallenschaft Rußlands verfiel.

So blieben in Europa nur noch drei Mächte zu berücksichtigen: Österreich, Frankreich, England. Und diese untereinander zu verhetzen oder durch den Köder der Gebietswerbung zu bestechen, war keine schwere Kunst. England und Frankreich waren immer noch Rivalen zur See; Frankreich war zu haben durch Aussicht auf Landerwerb in Belgien und Deutschland; Österreich köderte man durch vorgespiegelte Vorteile auf Kosten Frankreichs, Preußens, und, seit Joseph II., auch Bayerns. Hier waren also, bei geschickter Ausnutzung der Interessenkonflikte, starke, ja überwiegend starke Bundesgenossen für jede diplomatische Aktion Rußlands zu haben. Und nun, gegenüber diesen zerfallenden Grenzländern, gegenüber diesen durch Tradition, ökonomische Lebensbedingungen, politische oder dynastische Interessen oder Eroberungsgelüste in ewige Zänkereien verwickelten, stets mit gegenseitigen Überlistungsversuchen beschäftigten drei Großmächten, hier das eine, homogene, jugendliche, rasch emporwachsende Rußland, kaum angreifbar und vollständig uneroberbar, dabei ein unbearbeiteter, fast widerstandsloser, bildsamer Rohstoff – welche Gelegenheit für Leute von Talent und Ehrgeiz, für Leute, die nach Macht strebten, einerlei wo und wie, sofern es nur wirkliche Macht, ein wirklicher Tummelplatz für ihr Talent und ihren Ehrgeiz war! Und solche Leute produzierte das „aufgeklärte“ achtzehnte Jahrhundert in Menge: Leute, die im Dienst der „Menschheit“ ganz Europa durchzogen, die Höfe aller aufgeklärten Fürsten – und welcher Fürst wollte damals nicht aufgeklärt sein – besuchten, die sich niederließen, wo immer sie eine günstige Stelle fanden, eine „vaterlandslosse“, adlig-bürgerliche Internationale der Aufklärung. Diese Internationale fiel auf die Knie vor der Semiramis des Nordens, der ebenfalls vaterlandslosen Sophie Auguste von Anhalt-Zerbst, genannt Jekaterina II. von Rußland, und diese Internationale war es, aus deren Reihen dieselbe Katharina die Elemente zog zu ihrem Jesuitenorden der russischen Diplomatie.

Karl Kautsky hat in seiner Schrift über Thomas Morus nachgewiesen, wie die erste Form der bürgerlichen Aufklärung, der „Humanismus“ des 15. und 16. Jahrhunderts, in weiterer Entwicklung auslief in das katholische Jesuitentum. Ganz so sehn wir hier ihre zweite, vollreife Form im 18. Jahrhundert auslaufen in das moderne Jesuitentum, in die russische Diplomatie. Dieser Umschlag in das Gegenteil, dies schließliche Anlanden bei einem dem Ausgangspunkt polarisch entgegengesetzten Punkt ist das naturnotwendige Schicksal aller geschichtlichen Bewegungen, die über ihre Ursachen und Daseinsbedingungen im unklaren und daher auch auf bloß illusorische Ziele gerichtet sind. Sie werden von der „Ironie der Geschichte“ unerbittlich korrigiert.

Sehen wir nun, wie dieser Jesuitenorden arbeitet, wie er die unaufhörlich wechselnden Ziele der konkurrierenden Großmächte als Mittel benutzt zur Erreichung seines einen, nie wechselnden, nie aus den Augen verlornen Ziels: der Weltherrschaft Rußlands.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 22, Berlin: Dietz Verlag 1963, S. 13-21.