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II

Nie war die Weltlage zarischen Eroberungsplänen günstiger als 1762, da die große Hure Katharina II. nach Ermordung ihres Gemahls den Thron bestieg. Ganz Europa war durch den Siebenjährigen Krieg in zwei Lager gespalten. England hatte die französische Macht zur See, in Amerika, in Indien gebrochen und ließ nun seinen kontinentalen Bundesgenossen Friedrich II. von Preußen im Stich. Dieser stand 1762 am Rand des Untergangs, als Peter III. von Rußland auf den Thron kam und vom Krieg gegen Preußen zurücktrat; von seinem letzten und einzigen Bundesgenossen, England, verlassen, mit Österreich und Frankreich auf die Dauer verfeindet, durch siebenjährigen Kampf um die Existenz erschöpft, blieb ihm keine andere Wahl, als sich der neugekrönten Zarin zu Füßen zu werfen. Dadurch erhielt er nicht nur mächtigen Schutz, sondern Anwartschaft auf das Stück Polen, das Ostpreußen vom Körper seiner Monarchie getrennt hielt und das zu erobern jetzt sein Lebensziel war. Am 31.März (11.April) 1764 schlossen Katharina und Friedrich zu Petersburg ein Bündnis, dessen geheimer Artikel beide verpflichtete, die bestehende polnische Verfassung, dies beste Mittel zum Ruin Polens, mit Waffengewalt gegen jeden Reformversuch aufrechtzuhalten. Damit war die künftige Teilung Polens beschlossen. Ein Stück Polen war der Knochen, den die Zarin Preußen zuwarf, damit es sich für ein Jahrhundert ruhig an die russische Kette legen ließ.

Ich gehe nicht ein auf die Einzelheiten der ersten Teilung Polens. Aber bezeichnend ist, daß sie durchgeführt wurde – gegen den Willen der altmodischen Maria Theresia – wesentlich von den drei großen Säulen der europäischen Aufklärung: Katharina, Friedrich und Joseph. Die beiden letzteren, stolz auf die erleuchtete Staatsweisheit, mit der sie den Aberglauben an ein hergebrachtes Völkerrecht mit Füßen traten, waren dabei dumm genug, nicht zu sehn, wie sie sich durch ihre Teilnahme am polnischen Raub mit Leib und Seele dem russischen Zarentum verschrieben.

Nichts konnte für Katharina günstiger sein als diese aufgeklärten fürstlichen Nachbarn. Aufklärung1, das war im achtzehnten Jahrhundert die Parole des Zarismus in Europa, wie Völkerbefreiung im neunzehnten. Kein Länderraub, keine Gewalttat, keine Unterdrückung von seiten des Zarentums, die nicht vollbracht worden unter dem Vorwand der Aufklärung2, des Liberalismus, der Völkerbefreiung. Und die kindischen westeuropäischen Liberalen glaubten es bis herab auf Gladstone3, während die ebenso albernen Konservativen ebenso felsenfest glauben an die Phrasen von Schutz der Legitimität, von Erhaltung der Ordnung, der Religion, des europäischen Gleichgewichts und von Heiligkeit der Verträge, die das offizielle Rußland gleichzeitig im Munde führt. Die russische Diplomatie hat es fertiggebracht, beide große bürgerlichen Parteien Europas einzuseifen. Ihr und nur ihr erlaubt man, legitimistisch und revolutionär, konservativ und liberal, orthodox und aufgeklärt in einem Atem zu sein. Man begreift die Verachtung, womit ein solcher russischer Diplomat auf den „gebildeten“ Westen herabsieht.

Nach Polen kam Deutschland an die Reihe. Österreich und Preußen gerieten einander in die Haare im Bayrischen Erbfolgekrieg 1778, wiederum zu niemandes Nutzen als Katharinas. Rußland war zu groß geworden, um noch wie Peter4 auf deutsche Reichsstandschaft zu spekulieren; es strebte jetzt nach der Stellung, die es bereits in Polen hatte und die Frankreich im Deutschen Reich besaß: der eines Garanten der deutschen Unordnung gegen jeden Reformversuch. Und diese Stellung erhielt es. Im Frieden von Teschen 1779 übernahm Rußland, neben Frankreich, die Garantie dieses Friedensvertrags und aller früheren, darin bestätigten Friedensverträge, namentlich des Westfälischen von 1648. Die Ohnmacht Deutschlands war damit besiegelt, Deutschland zum künftigen Teilungsobjekt zwischen Frankreich und Rußland erklärt.

Die Türkei wurde nicht vergessen. Die russischen Kriege gegen die Türken fallen immer in die Zeiten, wo Rußland an der Westgrenze Frieden hat und Europa womöglich anderweitig beschäftigt ist. Katharina führte zwei solche Kriege. Der erste brachte Eroberungen am Asowschen Meer und die Unabhängigkeit der Krim, die vier Jahre nachher in eine russische Provinz verwandelt wurde. Der zweite schob die Grenze Rußlands vom Bug bis an den Dnestr vor. In beiden Kriegen hatten russische Agenten die Griechen zum Aufstand gegen die Türken gehetzt. Natürlich wurden die Aufständischen von der russischen Regierung schließlich im Stich gelassen.

Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs formulierte Katharina zuerst für sich und ihre Bundesgenossen der5 „bewaffneten Neutralität“ (1780) jene Forderungen zur Beschränkung der von England für seine Kriegsschiffe auf hoher See beanspruchten Rechte, die seitdem ein stetiges Ziel der russischen Politik blieben und der Hauptsache nach im Pariser Frieden 1856 von Europa und England selbst anerkannt wurden. Nur die Vereinigten Staaten von Amerika wollen bis heute nichts davon wissen.

Der Ausbruch der französischen Revolution war ein neuer Glücksfall für Katharina. Weit entfernt, sich die Ausbreitung der revolutionären Ideen nach Rußland zu fürchten, sah sie darin nur eine neue Gelegenheit, die europäischen Staaten untereinander zu verfeinden, damit Rußland freie Hand bekomme. Nach dem Tod ihrer beiden aufgeklärten Freunde und Nachbarn hatten Friedrich Wilhelm II. in Preußen, Leopold in Österreich eine unabhängige Politik versucht. Die Revolution bot Katharina die beste Gelegenheit, beide unter dem Vorwand der Bekämpfung des republikanischen Frankreich wieder an Rußland zu ketten und gleichzeitig, während jene an der französischen Grenze beschäftigt, in Polen neue Erwerbungen zu machen. Beide, Österreich und Preußen, gingen in die Falle. Und wenn auch Preußen – das 1787 bis 1791 den Bundesgenossen Polens gegen Katharina gespielt hatte – sich noch rechtzeitig besann und diesmal einen größeren Anteil am polnischen Raub in Anspruch nahm und Österreich ebenfalls mit einem Stück Polen abgefunden werden mußte, so konnte Katharina doch wieder bei weitem den größten Teil der Beute einheimsen; fast ganz Weißrußland und Kleinrußland war nun mit Großrußland vereinigt.

Aber diesmal hat die Medaille eine Kehrseite. Indem der Raub an Polen die Kräfte der Koalition 1792–1794 ebenfalls in Anspruch nahm, schwächte er ihre Angriffskraft gegen Frankreich, bis dieses stark genug war, allein den Sieg zu erfechten. Polen fiel, aber sein Widerstand hatte die französische Revolution gerettet, und mit der französischen Revolution begann eine Bewegung, wogegen auch das Zarentum ohnmächtig ist. Und das werden wir im Westen den Polen nie vergessen. Es ist übrigens, wie wir sehen werden, nicht das einzige Mal, daß die Polen die europäische Revolution gerettet haben.

In Katharinas Politik finden wir bereits alle wesentlichen Züge der heutigen russischen Politik scharf gezeichnet: Einverleibung Polens, wenn man auch zunächst noch den Nachbarn einen Teil der Beute überlassen mußte; Verwandlung Deutschlands in das nächstfolgende Teilungsobjekt; Konstantinopel das große, nie zu vergessende, langsam zu erringende Hauptziel; Eroberung Finnlands zur Deckung von Petersburg und Entschädigung Schwedens durch Norwegen, das Katharina zu Frederikshamn dem König Gustav III. anbot; Schwächung der britischen Übermacht zur See durch völkerrechtliche Einschränkungen; Erregung von Aufständen der christlichen Raja in der Türkei; endlich die glückliche Vereinigung liberaler und legitimistischer Phrasen, womit je nach Bedarf der an Phrasen glaubende westeuropäische „gebildete“ Philister, die sogenannte öffentliche Meinung, zum Narren gehalten wird.

Bei Katharinas Tod besaß Rußland schon mehr, als selbst der übertriebenste nationale Chauvinismus verlangen konnte. Alles, was russischen Namen führte – bis auf die wenigen österreichischen Kleinrussen –, stand unter dem Zepter ihres Nachfolgers, der sich nun mit vollem Recht Selbstherrscher aller Reußen nennen konnte. Nicht nur der Zugang zum Meer war erkämpft; an der Ostsee wie am Schwarzen Meer besaß Rußland ein breites Litoral und zahlreiche Häfen. Nicht nur Finnen, Tataren und Mongolen, auch Litauer, Schweden, Polen und Deutsche standen unter russischer Herrschaft. Was verlangt ihr mehr? Für jede andere Nation war das ein Abschluß. Für die zarische Diplomatie – die Nation wurde nicht gefragt – war das nur eine Grundlegung, um jetzt erst recht anzufangen.

Die französische Revolution hatte sich ausgetobt und sich selbst einen Herrscher, einen Napoleon erzeugt. Sie hatte also scheinbar der überlegnen Weisheit der russischen Diplomatie recht gegeben, die sich nicht durch die riesenhafte Volkserhebung hatte einschüchtern lassen. Jetzt bot das Emporkommen Napoleons ihr Gelegenheit zu neuen Erfolgen: Deutschland reifte dem Geschick Polens entgegen. Aber Katharinas Nachfolger, Paul, war störrisch, launenhaft, unberechenbar; er durchkreuzte die Aktion der Diplomaten jeden Augenblick; er wurde unerträglich, er mußte entfernt werden. Das auszuführen, dazu fanden sich leicht die nötigen Gardeoffiziere; der Thronfolger Alexander war im Komplott und deckte es; Paul wurde erdrosselt, und alsbald begann eine neue Kampagne zum größeren Ruhm des neuen Zaren, der durch die Art seiner Thronbesteigung der diplomatischen Jesuitenbande lebenslänglicher Knecht geworden war.

Diese überließ es Napoleon, das Deutsche Reich vollends zu zertrümmern und die herrschende Zerrüttung auf die Spitze zu treiben. Als es aber zur Abrechnung kam, da trat Rußland wieder hervor. Der Friede von Lunéville (1801) hatte Frankreich das ganze deutsche linke Rheinufer zugesprochen, mit der Bestimmung, daß die hierdurch depossedierten deutschen Fürsten auf dem rechten Rheinufer aus Besitzungen geistlicher Reichsstände, Bischöfe, Äbte etc. entschädigt werden sollten. Jetzt pochte Rußland auf seine in Teschen 1779 erworbene Garantie: bei der Verteilung der Entschädigungen habe es und Frankreich, die beiden Garanten der deutschen Reichszerrüttung, ein gewichtiges Wort mitzusprechen. Und die Uneinigkeit, Habgier und gewohnheitsmäßige Reichsverräterei der deutschen Fürsten sorgten dafür, daß dies Wort Rußlands und Frankreichs das entscheidende wurde. So kam es, daß Rußland und Frankreich einen Plan entwarfen zur Verteilung der geistlichen Territorien unter die Depossedierten und daß dieser vom Ausland im Interesse des Auslands entworfene Plan in allen Hauptstücken zum deutschen Reichsgesetz (Reichsdeputationshauptschluß 1803) erhoben wurde.

Der deutsche Reichsverband war tatsächlich aufgelöst, Österreich und Preußen agierten als selbständige europäische Staaten und betrachteten, ganz wie Rußland und Frankreich, die kleineren Reichsstände als bloßes Eroberungsgebiet. Was sollte nun aus diesen Kleinstaaten werden? Preußen war noch zu klein und zu jung, um die Oberherrschaft über sie zu beanspruchen, und Österreich hatte soeben die letzte Spur dieser Oberherrschaft eingebüßt. Aber Rußland und Frankreich beanspruchten beide die Erbschaft des deutschen Kaisertums. Frankreich hatte das alte Reich mit Waffengewalt gesprengt, es drückte auf die Kleinstaaten mit seiner unmittelbaren Nachbarschaft den ganzen Rhein entlang; der Siegesruhm Napoleons und der französischen Armeen tat den Rest, ihm die kleinen deutschen Fürsten zu Füßen zu werfen. Und Rußland? Jetzt, wo es das Ziel fast mit der Hand erreichen konnte, wonach es seit hundert Jahren gestrebt, jetzt, wo Deutschland in voller Auflösung, auf den Tod ermatte, hilflos und ratlos dalag, gerade jetzt sollte Rußland sich die Beute von dem korsischen Emporkömmling vor der Nase wegreißen lassen?

Die russische Diplomatie eröffnete sofort einen Feldzug zur Erkämpfung der Suprematie über die deutschen Kleinstaaten. Daß dies nicht ohne einen Sieg über Napoleon möglich, war selbstredend. Es galt also die deutschen Fürsten und die sogenannte öffentliche Meinung Deutschlands, soweit damals davon die Rede sein konnte, zu gewinnen. Die Fürsten wurden diplomatisch, das Philisterium wurde literarisch bearbeitet. Während russische Schmeicheleien, Drohungen, Lügen und Bestechungsgelder an den Höfen verschwenderisch ausgeteilt wurden, überschwemmte man das Publikum mit geheimnisvollen Flugschriften, worin Rußland als die einzige Macht angepriesen wurde, die Deutschland retten und unter wirksamen Schutz nehmen könne und die hiezu das Recht und die Pflicht habe kraft des Teschener Vertrags von 1779. Und als der Krieg von 1805 ausbrach, mußte es jedem klar sein, der die Augen einigermaßen offenhielt, daß es sich nur darum handelte, ob die Kleinstaaten einen französischen Rheinbund bilden sollten oder einen russischen.

Das Schicksal schützte Deutschland. Die Russen und Österreicher wurden bei Austerlitz geschlagen, und der neue Rheinbund war immerhin kein Vorposten des Zarentums. Das französische Joch war wenigstens ein modernes, das die deutschen Fürsten zwang, mit den schmählichsten Anachronismen ihrer bisherigen Daseinsweise aufzuräumen.

Nach Austerlitz kam das preußisch-russische Bündnis, Jena, Eylau, Friedland und der Tilsiter Friede 1807. Hier zeigte sich wieder, welch ungeheuren Vorteil Rußland von seiner strategisch sichem Lage hat. In zwei Feldzügen geschlagen, erwarb es neues Gebiet auf Kosten des bisherigen Bundesgenossen und die Allianz mit Napoleon zur Teilung der Welt: für Napoleon den Westen, für Alexander den Osten!

Die erste Frucht dieser Allianz war die Eroberung Finnlands. Ohne irgendwelche Kriegserklärung, aber mit Zustimmung Napoleons, rückten die Russen ein; Unfähigkeit, Uneinigkeit und Käuflichkeit der schwedischen Generale sicherten einen leichten Sieg; die kühne Überschreitung der gefrorenen Ostsee durch russische Abteilungen erzwang einen gewaltsamen Thronwechsel in Stockholm und die Abtretung Finnlands an Rußland. Als aber drei Jahre später der Bruch Alexanders mit Napoleon herannahte, ließ der Zar den zum Kronprinzen von Schweden gewählten Marschall Bernadotte nach Abo kommen und versprach ihm Norwegen, wenn er dem Bündnis Englands und Rußlands gegen Napoleon beitrete. So kam es, daß 1814 der Plan Katharinas: Finnland mir, Norwegen dir, erfüllt wurde.

Finnland war aber nur das Vorspiel. Worum es sich für Alexander handelte, das war, wie immer, Zaregrad. In Tilsit und Erfurt war ihm die Moldau und Walachei von Napoleon fest zugesagt und auf eine Teilung der Türkei Aussicht gemacht worden, wovon jedoch Konstantinopel ausgeschlossen sein sollte. Seit 1806 lag Rußland im Krieg mit der Türkei; diesmal waren nicht nur die Griechen, sondern auch die Serben aufgestanden. Aber was von den Polen nur ironisch, das galt von den Türken in Wahrheit: die Unordnung erhielt sie. Der unverwüstliche gemeine Soldat, der Sohn des unverwüstlichen türkischen Bauern, fand eben durch diese Unordnung Gelegenheit, das wieder gutzumachen, was die korrumpierten Paschas verdarben. Die Türken konnten geschlagen, aber nicht niedergeworfen werden, und die russische Armee rückte nur langsam vor auf dem Weg nach Zaregrad.

Der Preis aber für diese „freie Hand“ im Osten war der Beitritt zu Napoleons Kontinentalsystem, der Abbruch alles Handels mit England. Und das hieß für das damalige Rußland kommerzieller Ruin. Das war die Zeit, wo Eugen Onegin (bei Puschkin) aus Adam Smith lernte, wie ein Staat reich wird und wie er kein Geld braucht, wenn er nur Überfluß an Produkten hat; während auf der andern Seite sein Vater das nicht begreifen konnte und ein Landgut nach dem andern verhypothekieren mußte.

Rußland konnte Geld nur erhalten durch Seehandel und Ausfuhr seiner Rohprodukte nach dem damaligen Hauptmarkt England, und Rußland war bereits viel zu sehr verwestlicht, um ohne Geld leben zu können. Die Handelssperre wurde unerträglich. Die Ökonomie war mächtiger als die Diplomatie und der Zar zusammen; der Verkehr mit England wurde im stillen wieder aufgenommen; die Abmachungen von Tilsit wurden gebrochen, und der Krieg brach aus 1812.

Napoleon mit den vereinigten Armeen des ganzen Westens überschritt die russische Grenze. Die Polen, die den Fall beurteilen konnten, rieten ihm, an der Dwina und [am] Dnepr haltszumachen, Polen zu reorganisieren und dort den Angriff der Russen zu erwarten. Ein Feldherr vom Schlage Napoleons mußte einsehn, daß dies der richtige Plan war. Aber Napoleon, auf der schwindelnden Höhe und mit der unsichern Basis, worauf er stand, konnte keine langsamen Feldzüge mehr schlagen. Rasche Erfolge, blendende Siege, im Sturm eroberte Friedensschlüsse waren ihm unentbehrlich. Er schlug den polnischen Rat in den Wind, ging nach Moskau und brachte eben dadurch die Russen nach Paris.

Die Vernichtung der großen napoleonischen Armee auf dem Rückzug von Moskau gab das Signal zum allgemeinen Aufstand gegen die französische Oberherrschaft im Westen. In Preußen stand das ganze Volk auf und zwang den feigen Friedrich Wilhelm III. zum Krieg gegen Napoleon. Sobald Österreich mit seinen Rüstungen fertig, schloß es sich den Russen und Preußen an. Nach der Schlacht von Leipzig fiel der Rheinbund von Napoleon ab, und kaum achtzehn Monate nach Napoleons Einzug in Moskau zog Alexander ein in Paris, der Herr und Gebieter Europas.

Die Türkei, von Frankreich verraten, hatte 1812 zu Bukarest Frieden geschlossen und den Russen Bessarabien geopfert. Der Wiener Kongreß brachte Rußland das Königreich Polen, so daß jetzt fast neun Zehntel des ehemals polnischen Gebiets mit Rußland vereinigt waren. Mehr aber als das alles galt die europäische Stellung, die der Zar jetzt einnahm. Auf dem europäischen Kontinent hatte er keinen Nebenbuhler mehr. Österreich und Preußen waren in seinem Schlepptau. Die französische Bourbonendynastie war durch ihn wieder eingesetzt und daher ebenfalls ihm gehorsam. Schweden hatte durch ihn Norwegen erhalten als Pfand einer zarenfreundlichen Politik; selbst die spanische Dynastie verdankte ihre Zurückführung weit mehr den Siegen der Russen, Preußen und Österreicher als denen Wellingtons, die doch nie imstande waren, das französische Kaiserreich zu stürzen.

Nie vorher hatte Rußland eine so gewaltige Stellung eingenommen. Aber es hatte auch einen weitern Schritt getan über seine natürlichen Grenzen hinaus. Wenn der russische Chauvinismus für die Eroberungen Katharinas noch einige – ich will nicht sagen Rechtfertigung – aber Entschuldigungsvorwände hatte, so ist davon bei den Eroberungen Alexanders gar nicht mehr die Rede. Finnland ist finnisch und schwedisch, Bessarabien rumänisch, Kongreßpolen polnisch. Hier ist nicht mehr die Frage von Vereinigung zerstreuter und verwandter Stämme, die alle den Namen Russen führen, hier handelt es sich um die nackte, gewaltsame Eroberung fremder Gebiete, um einfachen Raub.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 22, Berlin: Dietz Verlag 1963, S. 22-29.