MEW/22/ME22-030.html

III

Der Sieg über Napoleon war der Sieg der europäischen Monarchien über die französische Revolution, deren letzte Phase das napoleonische Kaiserreich gewesen; dieser Sieg wurde gefeiert durch die Herstellung der „Legitimität“. Aber während Talleyrand glaubte, durch diese von ihm erfundene Phrase den Zar Alexander zu ködern, war es vielmehr die russische Diplomatie, die mit dieser Phrase ganz Europa an der Nase herumführte. Unter dem Vorwand, die Legitimität zu schützen, stiftete sie die „Heilige Allianz“, diese Erweiterung des russisch-österreichisch-preußischen Bündnisses zu einer Verschwörung aller europäischen Fürsten gegen ihre Völker unter russischem Präsidium. Die andern Fürsten glaubten daran; was der Zar und seine Diplomatie davon hielten, werden wir gleich sehn.

Für diese handelte es sich nun darum, die errungene Hegemonie über Europa auszunützen zu einem Schritt näher nach Zaregrad. Hierzu konnte sie drei Hebel ansetzen: die Rumänen, die Serben, die Griechen. Die Griechen waren das brauchbarste Element. Sie waren ein Handelsvolk, und die Kaufleute litten am meisten von den Bedrückungen türkischer Paschas. Der christliche Bauer unter türkischer Herrschaft befand sich materiell wohler als irgendwo anders. Er hatte seine vortürkischen Institutionen, seine vollständige Selbstregierung bewahrt; solang er seine Steuern zahlte, kümmerte sich der Türke in der Regel nicht um ihn; nur selten war er Vergewaltigungen ausgesetzt, wie der westeuropäische Bauer sie im Mittelalter vom Adel zu erdulden hatte. Es war eine unwürdige, nur geduldete, aber keine materiell gedrückte Existenz, die dem damaligen Kulturzustand jener Völker nicht unangemessen war, und es dauerte daher lange, bis der slawische Raja entdeckte, daß diese Existenz unerträglich sei. Dagegen war der Handel der Griechen, seitdem die türkische Herrschaft sie von der erdrückenden Konkurrenz der Venetianer und Genuesen befreit, rasch empor-geblüht und bereits so bedeutend geworden, daß er nunmehr auch die türkische Herrschaft nicht mehr vertragen konnte. In der Tat ist die türkische wie alle orientalische Herrschaft unverträglich mit kapitalistischer Gesellschaft; der ergatterte Mehrwert ist nicht sicher vor den Händen raubgieriger Satrapen und Paschas; es fehlt die erste Grundbedingung bürgerlichen Erwerbs1: Sicherheit der kaufmännischen Person und ihres Eigentums. Kein Wunder daher, daß die Griechen, nachdem sie seit 1774 schon zwei Aufstandsversuche gemacht, jetzt sich noch einmal erhoben.

Der griechische Aufstand bot also die Handhabe; damit aber die zarische Diplomatie hier kräftig drücken könne, mußte der Westen verhindert werden, sich einzumischen; er mußte also bei sich zu Hause beschäftigt werden. Dafür hatte die Phrase von der Legitimität glänzend vorgearbeitet. Die legitimen Herrscher hatten sich überall gründlich verhaßt gemacht. Die Versuche, die vorrevolutionären Zustände wiederherzustellen, brachten im ganzen Westen das Bürgertum in Aufregung; in Frankreich und Deutschland gärte es, in Spanien und Italien brach offner Aufstand los. Die zarische Diplomatie hatte in allen diesen Verschwörungen und Aufständen ihr Händchen im Spiel; nicht, daß sie sie gemacht oder auch nur wesentlich zu deren momentanen Erfolgen beigetragen hätte. Aber was sie durch ihre offiziosen Agenten tun konnte, um ihren legitimen Alliierten im eigenen Hause Unfrieden zu stiften2, das tat sie. Direkt aber protegierte sie die rebellischen Elemente des Westens, sobald diese unter der Maske der Griechenfreundlichkeit auftraten, und wer anders waren die Philhellenen, die Gelder sammelten, Freiwillige und ganze bewaffnete Hilfskorps nach Griechenland schickten – wer anders als eben die Karbonari und andre Liberale des Westens?*

Alles das verhinderte den aufgeklärten Zar Alexander nicht, auf den Kongressen von Aachen, Troppau, Laibach, Verona seine legitimen Kollegen zu den energischsten Schritten gegen ihre rebellischen Untertanen aufzufordern und zur Unterwerfung der Revolution die Österreicher 1821 nach Italien und die Franzosen 1823 nach Spanien zu schicken, ja selbst den Aufstand der Griechen anscheinend zu verdammen, während er gleichzeitig denselben Aufstand schürte und die Philhellenen des Westens zu verdoppelter Tätigkeit aufmuntern ließ. Wiederum wurde das dumme Europa in unglaublicher Weise zum Narren gehalten; den Fürsten und Reaktionären predigte das Zarentum Legitimität3, dem liberalen Philisterium Völkerbefreiung4 und Aufklärung, und beide glaubten ihm.

In Verona wurde der französische Minister, der Romantiker Chateaubriand, vom Zaren vollständig eingefangen. Dieser machte den Franzosen Aussicht auf das linke Rheinufer, wenn sie hübsch artig mit Rußland gingen. Mit dieser Hoffnung, die später, unter Karl X., durch bindende Zusagen bekräftigt wurde, gängelte die russische Diplomatie Frankreich und beherrschte, mit wenigen Unterbrechungen, die französische Orientpolitik bis 1830.

Trotz alledem machte die menschenfreundliche Politik des Zaren, die unter dem Vorwand der Befreiung der christlichen Griechen vom muhamedanischen Druck sich selbst an den Platz der Muhamedaner zu setzen strebte, nicht die gewünschten Fortschritte.5 Denn, wie der russische Gesandte in London, Fürst Lieven, sagt (Depesche vom 18./30. Oktober 1825):

„Ganz Europa schaut mit Entsetzen auf diesen russischen Koloß, dessen Riesenkraft nur auf ein Zeichen wartet, um sich gegen es in Bewegung zu setzen. Sein Interesse ist daher, die türkische Macht, diesen natürlichen Feind unsres Reiches, zu schützen.“

Der Krieg in Griechenland dauerte mit wechselndem Erfolg fort, während alle Versuche Rußlands mißlangen, mit hoher europäischer Bewilligung in die Donauprovinzen einzuziehen und dadurch die Türken zur Kapitulation zu bringen. Da kam 1825 den Türken ägyptische Hilfe; die Griechen wurden überall geschlagen, der Aufstand fast erdrückt. Die russische Politik stand vor einer Niederlage oder aber einem kühnen Entschluß.

Der Kanzler Nesselrode zog den Rat seiner Gesandten ein. Pozzo di Borgo in Paris (Depesche vom 4./16. Oktober 1825) und Lieven in London (Depesche vom 18./30. Oktober 1825) sprachen sich unbedingt für kühnes Vorgehn aus: man müsse die Donauprovinzen sofort und ohne Rücksicht auf Europa besetzen, selbst auf die Gefahr eines europäischen Kriegs hin. Das war offenbar die allgemeine Ansicht der russischen Diplomatie. Aber Alexander war schlaff, launig, blasiert, mystisch-romantisch, er hatte vom Grec du Bas Empire6 (wie Napoleon ihn nannte) nicht nur die Schlauheit und Falschheit, sondern auch den Wankelmut und die Energielosigkeit. Er fing an, die Legitimität ernst zu nehmen, und die griechischen Rebellen bekam er damit satt. Untätig und damals, vor den Eisenbahnen, fast unerreichbar, reiste er im Süden bei Taganrog herum. Plötzlich kam die Nachricht, er sei gestorben. Man munkelte von Gift. Hatte die Diplomatie den Sohn beseitigt, wie einst den Vater? Jedenfalls konnte er zu keiner für sie gelegeneren Stunde sterben.

Mit Nikolaus kam ein Zar auf den Thron, wie die Diplomatie sich keinen bessern wünschen konnte, eine mittelmäßige Unterlieutenantsnatur7, der der Schein der Herrschaft über alles ging und die daher mit diesem Schein zu allem zu bringen war. Jetzt wurde entschiedner vorgegangen und der Krieg gegen die Türken zustande gebracht, ohne daß Europa sich einmischte. Man hatte England durch liberale Phrasen und Frankreich durch die erwähnten Versprechungen dahin gebracht, daß ihre Flotten, mit der russischen vereinigt, am 20. Oktober 1827 die türkisch-ägyptische Flotte bei Navarino mitten im Frieden angriffen und zerstörten. Und wenn England auch bald einlenkte, so blieb doch das bourbonische Frankreich treu. Während der Zar den Türken den Krieg erklärte und seine Truppen am 6. Mai 1828 den Pruth überschritten, bereiteten sich 15 000 Mann französischer Truppen zur Einschiffung nach Griechenland [vor], wo sie im August und September landeten. Dies war Warnung genug für Österreich, dem russischen Vormarsch auf Konstantinopel nicht in die Flanke zu fallen: ein Krieg mit Frankreich wäre die Folge gewesen, das russisch-französische Bündnis zur Eroberung Konstantinopels für den einen, des linken Rheinufers für den andern trat dann in Kraft.

Diebitsch8 drang also bis Adrianopel vor, war aber dort in einer solchen Lage, daß er in aller Eile über den Balkan zurück mußte, wenn die Türken nur noch vierzehn Tage aushielten. Er hatte nur 20 000 Mann, davon ein Viertel pestkrank. Da vermittelte die preußische Gesandtschaft in Konstantinopel durch erlogene Berichte über den drohenden, in Wirklichkeit total unmöglichen russischen Vormarsch den Frieden und rettete den russischen Feldherrn, in Moltkes Worten,

„aus einer Lage, welche vielleicht nur wenige Tage verlängert werden durfte, um ihn von der Höhe des Siegs in den Abgrund des Verderbens zu stürzen“ (Moltke, „Der russisch-türkische Feldzug“, S.390).

Jedenfalls brachte der Friede dem russischen Reich die Donau-mündungen, ein Stück Gebiets in Asien und stets neue Vorwände zur Einmischung in die Angelegenheiten der Donau-provinzen. Diese werden von nun an bis zum Krimkrieg die karczma zajezdna für die russischen Truppen, von denen sie während dieser Periode nur selten frei waren.

Ehe diese Vorteile weiter ausgenutzt werden konnten, brach die Julirevolution aus. Jetzt wurden die liberalen Phrasen der russischen Agenten für einige Zeit in die Tasche gesteckt; es galt nur noch die „Legitimität“ zu schützen. Ein Feldzug der Heiligen Allianz gegen Frankreich wurde vorbereitet – da brach der polnische Aufstand los, hielt Rußland für ein Jahr im Schach; und so rettete Polen zum zweitenmal die europäische Revolution durch eigene Aufopferung.

Ich übergehe die russisch-türkischen Verhältnisse der Epoche 1830 bis 1848. Sie waren wichtig dadurch, daß Rußland zum erstenmal als Schützer der Türkei gegen ihren rebellischen Vasallen Mechmed Ali von Ägypten auftreten, 30 000 Mann zum Schutz von Konstantinopel an den Bosporus schicken und die Türkei durch den Vertrag von Hunkiar-Iskelessi auf eine Reihe von Jahren faktisch unter russische Herrschaft stellen konnte; daß es ihm ferner gelang, 1840 eine drohende europäische Koalition gegen Rußland durch Palmerstons Verrat über Nacht in eine Koalition gegen Frankreich zu verwandeln und dadurch, daß es die Donauprovinzen durch fortgesetzte Okkupation und Ausbeutung der9 Bauern, wie durch Köderung der Bojaren vermittelst des Règlement organique (s. Marx, „Kapital“, Bd. I, Kap. 8)10 zur Annexion vorbereiten konnte. In der Hauptsache aber war diese Periode der Eroberung und Russifizierung des Kaukasus gewidmet, die nach zwanzigjährigen Kämpfen endlich gelang.

Ein schwerer Unfall indes traf die zarische Diplomatie: Als der Großfürst Konstantin am 29. November 1830 aus Warschau vor den polnischen Insurgenten flüchten mußte, fiel diesen sein ganzes diplomatisches Archiv in die Hände, Originaldepeschen des auswärtigen Ministers11 und amtliche Abschriften aller wichtigen Depeschen der Gesandten. Das ganze Getriebe der russischen Diplomatie von 1825-1830 war bloßgelegt.12 Die polnische Regierung sandte diese Depeschen durch den Grafen Zamoyski nach England und Frankreich, und auf Antrieb Wilhelms IV. von England wurden sie 1835 im „Portfolio“ durch David Urquhart veröffentlicht. Dies „Port“

folio" ist noch immer eine der Hauptquellen, und jedenfalls die unbestreitbarste, für die Geschichte der Intrigen, wodurch das Zarentum die Nationen des Westens gegeneinander zu verhetzen sucht, um sie infolge dieser Spaltungen alle zu beherrschen.

Die russische Diplomatie hatte nun schon so viel westeuropäische Revolutionen nicht nur ohne Schaden, sondern mit direktem Profit überstanden, daß sie den Ausbruch der Februarrevolution von 1848 als ein überaus günstiges Ereignis zu begrüßen imstande war. Daß die Revolution sich nach Wien ausdehnte und dadurch nicht nur den Hauptgegner Rußlands, Metternich, beseitigte, sondern auch die österreichischen Slaven – diese voraussichtlichen Bundesgenossen des Zarentums – aus ihrem Schlummer aufrüttelte; daß sie Berlin ergriff und dadurch den alles wollenden und nichts könnenden Friedrich Wilhelm IV. von seinen Unabhängigkeitsgelüsten gegenüber Rußland kurierte – was konnte willkommner sein? Rußland war vor aller Ansteckung sicher, und Polen war so stark besetzt, daß es sich nicht rühren konnte. Und als nun gar die Revolution sich bis in die Donauprovinzen ausdehnte, da hatte die russische Diplomatie, was sie wollte: Vorwand zu neuem Einmarsch in die Moldau und Walachei, um die Ordnung wiederherzustellen und die russische Herrschaft hier mehr und mehr zu befestigen.

Damit nicht genug. Österreich, der zäheste, hartnäckigste Gegner Rußlands an den Grenzen der Balkanhalbinsel, war durch den ungarischen und Wiener Aufstand an den Rand des Untergangs gebracht. Der Sieg der Ungarn war aber gleichbedeutend mit dem erneuerten Ausbruch der europäischen Revolution, und die zahlreichen Polen im ungarischen Heer bürgten dafür, daß diese Revolution nicht wieder an der polnischen Grenze haltmachte. Da spielte Nikolaus den Großmütigen. Er ließ seine Armeen in Ungarn einbrechen, erdrückte die ungarischen Heere mit Übermacht und besiegelte damit die Niederlage der europäischen Revolution. Und als Preußen noch immer Versuche machte, die Revolution zu einer Zerreibung des Deutschen Bundes und einer Unterordnung wenigstens der norddeutschen Kleinstaaten unter preußischer Hegemonie auszunutzen, zitierte Nikolaus Preußen und Österreich vor seinen Richterstuhl zu Warschau und entschied zugunsten Österreichs. Preußen wurde zum Dank für seine langjährige Unterwerfung unter Rußland schmählich gedemütigt, weil es einen Augenblick schwache Widerstandsgelüste gezeigt. Die schleswig-holsteinische Frage entschied Nikolaus ebenfalls gegen Deutschland und setzte den Glücksburger Christian, nachdem er sich von seiner Brauchbarkeit für zarische Zwecke überzeugt, zum Thronerben von Dänemark ein. Nicht nur Ungarn, ganz Europa lag zu den Füßen des Zaren, und zwar direkt infolge der Revolution. Hatte die russische Diplomatie nicht recht, wenn sie im stillen für Revolutionen im Westen begeistert war?

Aber die Februarrevolution war dennoch die erste Totenglocke des Zarentums. Die kleine Seele des beschränkten Nikolaus konnte das unverdiente Glück nicht vertragen; er hatte es zu eilig mit dem Vorgehn gegen Konstantinopel; der Krimkrieg brach aus; England und Frankreich kamen der Türkei zu Hilfe, Österreich brannte vor Begierde, d'étonner le monde par la grandeur de son ingratitude60. Denn Österreich wußte, daß als Dank für die ungarische Kriegshilfe und für das Warschauer Urteil erwartet werde seine Neutralität oder gar Beihilfe zu russischen Eroberungen an der Donau, die gleichbedeutend waren mit Österreichs Umklammerung durch Rußland von Krakau bis Orsova und Semlin. Und diesmal hatte Österreich, was sonst fast nie vorkam, den Mut seiner Meinung.

Der Krimkrieg war eine einzige kolossale Komödie der Irrungen, wo man sich jeden Augenblick fragt: Wer ist hier der Geprellte? Aber diese Komödie kostete ungezählte Schätze und über eine Million Menschenleben. Kaum waren die ersten alliierten Truppen in Bulgarien gelandet, da rückten die Österreicher in die Donauprovinzen ein, und die Russen zogen sich über den Pruth zurück. Damit hatte sich Österreich an der Donau zwischen die beiden Kriegführenden geschoben; eine weitere Fortführung des Krieges auf diesem Gebiete war nur mit seiner Zustimmung möglich. Aber Österreich war zu haben für einen Krieg an der Westgrenze Rußlands. Österreich wußte, daß Rußland ihm diese seine brutale Undankbarkeit nie verzeihen werde; Österreich war also bereit, sich mit den Alliierten zu verbinden, aber nur für einen ernstlichen Krieg, der Polen wiederherstellte und die russische Westgrenze bedeutend zurückschob. Ein solcher Krieg mußte auch Preußen in die Allianz ziehn, durch dessen Gebiet Rußland alle seine Zufuhren bezog; eine europäische Koalition hätte Rußland zu Land wie zu Wasser blockiert und mit so überlegenen Kräften angegriffen, daß der Sieg unzweifelhaft war.

Das aber war keineswegs die Absicht Englands und Frankreichs. Beide waren im Gegenteil froh, durch Österreichs Vorgehn aller Gefahr eines ernsthaften Krieges ledig zu sein. Was Rußland wünschte – daß die Alliierten nach der Krim gingen und sich dort festbissen –, das schlug Palmerston vor, und Louis-Napoleon griff hocherfreut mit beiden Händen zu. Von der Krim aus ins Innere von Rußland vorzudringen, wäre strategischer Wahnsinn gewesen. So war der Krieg glücklich in einen Scheinkrieg verwandelt und alle Hauptbeteiligten zufriedengestellt. Aber der Zar Nikolaus konnte es auf die Dauer nicht ertragen, daß feindliche Truppen am Saum seines Reiches auf russischem Boden sich festsetzten; für ihn wurde der Scheinkrieg bald wieder ein Ernstkrieg. Was aber für einen Scheinkrieg sein günstigstes, war für einen Ernstkrieg sein gefährlichstes Terrain. Die Stärke Rußlands in der Verteidigung – die ungeheure Ausdehnung seines dünnbevölkerten, unwegsamen, an Hilfsquellen armen Gebiets – kehrte sich gegen Rußland selbst, sobald Nikolaus alle Streitkräfte auf Sewastopol, diesen einen Punkt der Peripherie, konzentrierte. Die südrussischen Steppen, die das Grab des Angreifers hätten werden müssen, wurden das Grab der russischen Armeen, die Nikolaus mit der ihm eignen brutal-dummen Rücksichtslosigkeit eine nach der andern – zuletzt mitten im Winter – nach der Krim trieb. Und als die letzte, eilig zusammengeraffte, kaum notdürftig ausgerüstete, elend verpflegte Heersäule auf dem Marsch an zwei Drittel ihres Bestandes verloren hatte – ganze Bataillone kamen um im Schneesturm – und der Rest nicht imstande war, den Feind auch nur ernsthaft anzugreifen, da brach der aufgeblasene Hohlkopf Nikolaus jämmerlich zusammen, da entfloh er den Folgen seines Cäsarenwahnsinns, indem er Gift nahm.

Der Friede, den sein Nachfolger13 nun eiligst abschloß, fiel sehr glimpflich aus. Aber die Folgen des Krieges im Innern waren um so größer. Um im Innern absolut herrschen zu können, mußte das Zarentum nach außen mehr als unbesiegbar, es mußte ununterbrochen siegreich, mußte imstande sein, den unbedingten Gehorsam zu belohnen durch chauvinistischen Siegesrausch, durch immer neue Eroberungen. Und jetzt war das Zarentum elend zusammengeknickt, und das gerade in seiner äußerlich imposantesten Gestalt; es hatte Rußland bloßgestellt vor der Welt, und damit sich selbst vor Rußland. Es erfolgte eine ungeheure Ernüchterung. Das russische Volk war durch die kolossalen Opfer des Kriegs zu sehr aufgerüttelt, der Zar hatte zu sehr an seine Hingebung appellieren müssen, als daß es ohne weiteres in die Passivität des gedankenlosen Gehorsams zurückzubringen war. Denn allmählich hatte sich auch Rußland ökonomisch und intellektuell weiterentwickelt; neben dem Adel standen jetzt die Anfänge einer zweiten gebildeten Klasse, der Bourgeoisie. Kurz, der neue Zar mußte den Liberalen spielen, aber diesmal nach innen. Damit aber war der Anfang gegeben für eine innere Geschichte Rußlands, für eine Bewegung der Geister in der Nation selbst und für ihren Reflex: eine, wenn auch noch so schwache, aber mehr und mehr sich geltend machende, immer weniger zu mißachtende öffentliche Meinung. Und damit entstand für die zarische Diplomatie der Feind, an dem sie untergehen muß. Denn diese Art Diplomatie ist nur möglich, solange das Volk unbedingt passiv bleibt, keinen Willen hat als den der Regierung, keinen Beruf, als Soldaten und Steuern zu liefern für die Durchführung der Ziele der Diplomaten. Sobald Rußland eine innere Entwicklung und damit innere Parteikämpfe hat, ist die Eroberung einer konstitutionellen Form, in der diese Parteikämpfe sich ohne gewaltsame Erschütterung ausfechten, nur eine Frage der Zeit. Dann aber ist auch die bisherige russische Eroberungspolitik ein Ding der Vergangenheit; die unveränderliche Stetigkeit des diplomatischen Ziels geht verloren im Ringen der Parteien um die Herrschaft; die unbedingte Verfügung über die Kräfte der Nation ist dahin – Rußland bleibt schwer angreifbar und relativ ebenso schwach im Angriff, wird aber sonst ein europäisches Land wie die andren auch, und die eigentümliche Stärke seiner bisherigen Diplomatie ist für immer gebrochen.

La Russie ne boude pas, elle se recueille, sagte der Kanzler Gortschakow nach dem Kriege. Er wußte selbst nicht, wie wahr er sprach. Er sprach bloß vom diplomatischen Rußland. Aber auch das nichtoffizielle Rußland sammelte sich. Und diese Sammlung (recueillement) wurde unterstützt durch die Regierung selbst. Der Krieg hatte bewiesen, daß Rußland Eisenbahnen und großer Industrie bedurfte, schon aus rein militärischen Rücksichten. Somit warf sich die Regierung darauf, eine russische Kapitalistenklasse zu züchten. Eine solche kann aber nicht bestehn ohne ein Proletariat, und um dessen Elemente zu schaffen, mußte die sogenannte Bauernbefreiung erfolgen; die persönliche Freiheit bezahlte der Bauer mit Übertragung des besten Teils seines Grundbesitzes an den Adel. Was ihm davon blieb, war zum Sterben zuviel, zum Leben zuwenig. Während so die russische bäuerliche Obschtschina14 an der Wurzel angegriffen wurde, wurde gleichzeitig die neue große Bourgeoisie durch Eisenbahnprivilegien, Schutzzölle und andere Begünstigungen treibhausmäßig entwickelt und so in Stadt und Land eine vollständige soziale Revolution eingeleitet, die die einmal in Bewegung gebrachten Geister nicht wieder zur Ruhe kommen ließ. Die junge Bourgeoisie reflektierte sich in einer liberal-konstitutionellen Bewegung, das eben entstehende Proletariat in der Bewegung, die man gewöhnlich Nihilismus nennt. Das waren die wahren Folgen des recueillement Rußlands.

Einstweilen schien die Diplomatie noch nicht zu merken, welcher Gegner ihr im Innern entstanden war. Im Gegenteil, nach außen schien sie Sieg über Sieg zu erfechten. Auf dem Pariser Kongreß 1856 spielte Orlow die vielumworbene Hauptrolle; statt Opfer zu bringen, errang er neue Erfolge; die von England beanspruchten, von Rußland seit Katharina bekämpften Kriegsrechte zur See wurden definitiv beseitigt und eine russisch-französische Allianz gegen Österreich begründet. Diese trat 1859 in Tätigkeit, als Louis-Napoleon sich dazu hergab, Rußland an Österreich zu rächen. Den Folgen der russisch-französischen Abmachungen, die Mazzini damals enthüllte und wonach im Fall des verlängerten Widerstandes ein russischer Großfürst als Thronkandidat eines unabhängigen Ungarns aufgestellt werden sollte – diesen Folgen entging Österreich durch raschen Friedensschluß. Aber seit 1848 verdarben die Völker der Diplomatie das Handwerk. Italien wurde unabhängig und einig gegen den Willen des Zaren und Louis-Napoleons.

Der Krieg 1859 hatte auch Preußen aufgeschreckt. Es hatte seine Armee fast verdoppelt und einen Mann ans Ruder gestellt, der es mit der russischen Diplomatie wenigstens in einem Punkt aufnehmen konnte: in der Rücksichtslosigkeit in betreff der anzuwendenden Mittel. Dieser Mann war Bismarck. Während des polnischen Aufstandes 1863 nahm er gegenüber Österreich, Frankreich und England in theatralischer Weise Partei für Rußland und tat alles, um diesem den Sieg zu verschaffen. Das sicherte ihm den Abfall des Zaren von seiner gewohnten Politik in der schleswig-holsteinschen Frage; die Herzogtümer wurden 1864 mit zarischer Erlaubnis von Dänemark losgerissen. Dann kam der Preußisch-Österreichische Krieg 1866; hier freute sich der Zar wieder über die erneute Züchtigung Österreichs und die wachsende Macht Preußens, des allein treuen – selbst nach den Fußtritten von 1849/1850 noch treuen – Vasallen. Der Krieg von 1866 zog den Deutsch-Französischen Krieg 1870 nach sich, und wieder trat der Zar auf die Seite seines preußischen „Djadja Molodez“; er hielt Österreich direkt im Schach und beraubte so Frankreich des einzigen Bundesgenossen, der es vor vollständiger Niederlage retten konnte. Aber wie Louis Bonaparte 1866, so wurde Alexander 1870 geprellt durch die raschen Erfolge der deutschen Waffen. Statt eines langwierigen, beide Kämpfer auf den Tod erschöpfenden Kriegs, erfolgten die raschen Schläge, die in fünf Wochen das bonapartistische Kaiserreich stürzten und seine Armeen nach Deutschland gefangenführten.

Damals gab es nur einen Ort in Europa, wo die Lage richtig begriffen wurde, und das war im Generalrat der Internationalen Arbeiter-Assoziation. Am 9. September 1870 erließ dieser ein Manifest, worin die Parallele zwischen 1866 und 1870 gezogen wurde.15 Der Krieg 1866 sei mit Bewilligung Louis-Napoleons geführt worden; aber die Siege und die preußische Machterweiterung hätten genügt, um Frankreich sofort in eine feindliche Stellung gegen Preußen hineinzutreiben. Ebenso würden die neuen Erfolge von 1870 und die damit verknüpfte neue Steigerung der preußisch-deutschen Macht den russischen Zaren, trotzdem er Deutschland während des Kriegs diplomatisch unterstützt, in die Feindschaft gegen Deutschland hineinzwingen. Rußlands vorwiegender Einfluß in Europa habe zur notwendigen Voraussetzung seine traditionelle Macht über Deutschland, die nun gebrochen sei. Im Augenblick, wo in Rußland selbst die revolutionäre Bewegung anfängt, drohend zu werden, könne der Zar diesen Verlust an Prestige im Ausland nicht ertragen. Und wenn nun noch Deutschland durch Annexion von Elsaß-Lothringen Frankreich in die Arme Rußlands treibe, müsse es sich entweder zum offenkundigen Werkzeug russischer Eroberungspläne hergeben oder aber, nach kurzer Rastzeit, sich vorbereiten auf einen Krieg gegen Rußland und Frankreich zugleich, einen Krieg, der leicht in einen Rassenkrieg gegen das verbündete Slawentum und Romanentum ausarten könne.

Das neue Deutsche Reich tat Rußland den Gefallen, Elsaß-Lothringen von Frankreich loszureißen und damit in der Tat Frankreich in die Arme Rußlands zu jagen. Die zarische Diplomatie war nun in der beneidenswerten Lage, die beiden durch diese Losreißung auf den Tod verfeindeten Länder, Frankreich wie Deutschland, von Rußland abhängig zu wissen. Diese günstige Lage wurde wiederum ausgenutzt zu einem Vorstoß gegen Zaregrad, zum Türkenkrieg von 1877. Nach langen Kämpfen kamen die russischen Truppen im Januar 1878 bis vor die Tore der türkischen Hauptstadt; da erschienen vier englische Panzerschiffe im Bosporus und zwangen die Russen, angesichts der Türme der Sophienkirche haltzumachen und ihren Friedensplan von San Stefano einem europäischen Kongreß zur Revision vorzulegen.

Dennoch war – scheinbar – ein ungeheurer Erfolg errungen. Rumänien, Serbien, Montenegro vergrößert und unabhängig gemacht durch Rußland, und daher in seiner Schuld; das Festungsviereck zwischen Donau und Balkan, dies starke Bollwerk der Türkei, vorläufig vernichtet; der letzte Schutzwall Konstantinopels, der Balkan, den Türken entrissen und entwaffnet; Bulgarien und Ostrumelien scheinbar türkische, in Wirklichkeit russische Vasallenstaaten; der Gebietsverlust von 1856 in Bessarabien wieder gutgemacht; in Armenien neue wichtige Stellungen erobert; Österreich durch die Besetzung von Bosnien zum Mitschuldigen an der Teilung der Türkei und zum notwendigen Gegner aller serbischen Unabhängigkeits und Einigungsbestrebungen gemacht; endlich die Türkei durch Gebietsverlust, Erschöpfung und eine unerschwingliche Kriegsentschädigung in vollständige Abhängigkeit von Rußland gebracht, in eine Stellung, wo sie nach russischer, ganz richtiger Auffassung den Bosporus und die Dardanellen nur noch einstweilen für Rußland in Verwahrung hielt. So, schien es, brauchte Rußland nur noch den Moment zu wählen, wo es ihm beliebte, von seinem großen Endziel, von Konstantinopel, „la clef de notre maison“, Besitz zu ergreifen.

In Wirklichkeit aber sah es doch ganz anders aus. Hatte Elsaß-Lothringen Frankreich in Rußlands Arme getrieben, so trieb der Vorstoß auf Konstantinopel und der Berliner Friede Österreich in die Arme Bismarcks. Und damit änderte sich wieder die ganze Lage. Die großen Militärmächte des Kontinents spalteten sich in zwei große, einander bedrohende Feldlager: Rußland und Frankreich hier, Deutschland und Österreich dort. Um diese beiden haben die kleineren Staaten sich zu gruppieren. Das aber bedeutet, daß das russische Zarentum den letzten großen Schritt nicht tun, von Konstantinopel nicht wirklich Besitz ergreifen kann ohne einen Weltkrieg mit ziemlich gleich verteilten Chancen, dessen letzte Entscheidung wahrscheinlich nicht von den beiden, den Kampf eröffnenden Parteien abhängen wird, sondern von England. Denn ein Krieg, wo Österreich und Deutschland gegen Rußland und Frankreich kämpfen, schneidet den ganzen Westen von der russischen Kornzufuhr zu Lande ab. Alle Länder des Westens aber leben nur durch Kornzufuhr vom Ausland. Diese könnte also nur zur See erfolgen, und Englands Überlegenheit zur See erlaubt ihm, sowohl Frankreich wie Deutschland auch diese Zufuhr abzuschneiden, also jenes wie dieses auszuhungern, je nachdem es sich auf diese oder jene Seite schlägt.16 Um Konstantinopel aber zu kämpfen in einem Weltkrieg, worin England den Ausschlag gibt – das ist genau die Lage, die zu vermeiden die russische Diplomatie seit hundertfünfzig Jahren gearbeitet hat. Also eine Niederlage.17

In der Tat ist auch die Allianz mit einem republikanischen Frankreich, dessen regierende Personen stetem Wechsel ausgesetzt sind, keineswegs sicher für das Zarentum und noch weniger seinen Herzenswünschen entsprechend. Nur eine restaurierte französische Monarchie könnte genügende Garantien bieten als Bundesgenossin in einem so furchtbaren Krieg, wie er jetzt allein möglich ist. Daher hat das Zarentum auch seit fünf Jahren die Orléans unter seinen ganz besondern Schutz genommen; sie haben sich mit ihm verschwägern müssen, indem sie in die dänische Königsfamilie, diesen russischen Vorposten am Sund, hineinheiraten. Und um die Restauration der so ebenfalls zum russischen Vorposten avancierten Orléans in Frankreich vorzubereiten, wurde der General Boulanger benutzt, dessen eigene Anhänger in Frankreich sich rühmen, daß die geheimnisvolle Quelle der von ihnen so verschwenderisch ausgeteilten Gelder niemand anders sei als die russische Regierung, die ihnen für ihre Kampagne fünfzehn Millionen Franken zur Verfügung gestellt. So mischt sich Rußland wiederum in die inneren Angelegenheiten der westlichen Länder, diesmal unverhüllt als Stütze der Reaktion, und spielt den ungeduldigen Chauvinismus der französischen Bourgeois aus gegen den revolutionären Geist der französischen Arbeiter.

Überhaupt zeigt sich seit 1878 erst recht, wie sehr die Position der russischen Diplomatie sich verschlechtert hat, seitdem die Völker sich mehr und mehr erlauben mitzusprechen, und das mit Erfolg. Sogar auf der Balkanhalbinsel, dem Gebiet, wo Rußland ex professo18 völkerbefreiend auftritt, will nichts mehr gelingen. Die Rumänen haben zum Dank dafür, daß sie den Russen vor Plewna den Sieg erst ermöglicht, ihr Stück Bessarabien wieder abtreten müssen und werden sich schwerlich durch Zukunftsversprechungen auf Siebenbürgen und das Banat ködern lassen. Die Bulgaren haben die zarische Art der Befreiung infolge der ihnen ins Land gesandten zarischen Agenten herzlich satt bekommen; nur die Serben und allenfalls die Griechen – beide weil sie außerhalb der direkten Schußlinie auf Konstantinopel liegen – sind noch nicht kopfscheu gemacht. Die österreichischen Slawen, die der Zar von der deutschen Unterdrückung zu befreien sich berufen fühlte, haben seitdem wenigstens im zisleithanischen Reichsteil die Herrschaft selbst ausgeübt. Die Phrase von der Völkerbefreiung19 durch den allmächtigen Zar hat ausgespielt, sie kann höchstens noch auf Kreta und Armenien angewandt werden, und damit macht man in Europa selbst bei englischen christlich-frommen Liberalen keinen Effekt mehr; wegen Kretas und Armeniens riskiert sogar der Zarenbewunderer Gladstone keinen europäischen Krieg mehr, seitdem der Amerikaner Ken-nan die Niederträchtigkeiten von aller Welt enthüllt hat, womit das Zarentum jede Regung des Widerstands im eignen Reich unterdrückt20.

Und hier kommen wir auf den Kernpunkt. Die innere Entwicklung Rußlands seit 1856, unterstützt von der Politik der Regierung, hat gewirkt; die soziale Revolution hat riesige Fortschritte gemacht; Rußland verwestlicht sich täglich mehr; die große Industrie, die Eisenbahnen, die Verwandlung aller Naturalleistungen in Geldzahlungen und damit die Auflösung der alten Grundlagen der Gesellschaft entwickeln sich mit steigender Geschwindigkeit. In demselben Verhältnis aber entwickelt sich auch die Unverträglichkeit des absoluten Zarentums mit der in der Bildung begriffen neuen Gesellschaft. Es bilden sich Oppositionsparteien, konstitutionelle und revolutionäre, deren die Regierung nur durch gesteigerte Brutalität Herr werden kann. Und die russische Diplomatie sieht mit Entsetzen den Tag heranrücken, wo das russische Volk ein Wort mitsprechen und wo die Erledigung seiner eigenen inneren Angelegenheiten ihm die Zeit und die Lust benehmen wird, sich mit solchen Kindereien zu beschäftigen, wie die Eroberung Konstantinopels, Indiens und der Weltherrschaft. Die Revolution, die 1848 an der polnischen Grenze haltmachte, pocht jetzt an die Türe Rußlands, und drinnen hat sie schon Bundesgenossen genug, die nur auf die Gelegenheit warten, ihr die Tür aufzumachen.

Allerdings, wenn man die russischen Zeitungen liest, sollte man meinen, ganz Rußland schwärme für die zarische Eroberungspolitik; da ist alles Chauvinismus, Panslawismus, Christenbefreiung vom türkischen, Slawenbefreiung vom deutsch-magyarischen Joch. Aber erstens weiß jedermann, in welchen Fesseln die russische Presse gebunden liegt; zweitens hat die Regierung diesen Chauvinismus und Panslawismus seit Jahren in allen Schulen gezüchtet; und drittens drückt diese Presse, soweit sie überhaupt eine unabhängige Meinung ausdrückt, nur die Stimmung der städtischen Bevölkerung, d.h. der neugebildeten Bourgeoisie aus, die natürlich an neuen Eroberungen als an Ausdehnungen des russischen Markts interessiert ist. Diese städtische Bevölkerung bildet aber im ganzen Land eine verschwindende Minorität. Sobald eine Nationalversammlung der ungeheuren Majorität des russischen Volks, der Landbevölkerung, Gelegenheit gibt, ihre Stimme zu erheben, wird man ganz andere Dinge vernehmen. Die Erfahrungen, die die Regierung mit den Semstwos gemacht hat und die sie zwangen, die Semstwos wieder zu nullifizieren21, bürgen dafür, daß eine russische Nationalversammlung, um nur die dringendsten inneren Schwierigkeiten zu überwinden, sehr bald allem Drängen nach neuen Eroberungen einen entschiedenen Riegel vorschieben muß.

Die heutige europäische Lage wird beherrscht von drei Tatsachen: 1. der Annexion von Elsaß-Lothringen an Deutschland, 2. dem Drang des zarischen Rußlands nach Konstantinopel, 3. dem in allen Ländern immer heißer entbrennenden Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie, dessen Thermometer die überall im Aufschwung begriffene sozialistische Bewegung ist.

Die ersten beiden bedingen die heutige Gruppierung Europas in zwei große Heerlager. Die deutsche Annexion macht Frankreich zum Bundesgenossen von Rußland gegen Deutschland, die zarische Bedrohung Konstantinopels macht Österreich, selbst Italien zu Bundesgenossen Deutschlands. Beide Lager rüsten für einen Entscheidungskampf, für einen Krieg, wie die Welt noch keinen gesehn, wo zehn bis fünfzehn Millionen Kämpfer einander in Waffen gegenüberstehen werden. Nur zwei Umstände haben bis heute den Ausbruch dieses furchtbaren Kriegs verhindert: erstens der unerhört rasche Fortschritt der Waffentechnik, der jedes neuerfundene Gewehrmodell durch neue Erfindungen überflügelt, ehe es nur bei einer Armee eingeführt werden kann, und zweitens die absolute Unberechenbarkeit der Chancen, die totale Ungewißheit, wer aus diesem Riesenkampf schließlich als Sieger hervorgehen wird.

Diese ganze Gefahr eines Weltkriegs verschwindet an dem Tag, wo eine Wendung der Dinge in Rußland dem russischen Volk erlaubt, durch die traditionelle Eroberungspolitik seiner Zaren einen dicken Strich zu machen und sich mit seinen eignen, aufs äußerste gefährdeten innern Lebensinteressen zu beschäftigen, statt mit Weltherrschaftsphantasien.

An diesem Tage verliert Bismarck22 alle die Bundesgenossen gegen Frankreich, die die russische Bedrohung ihm in die Arme getrieben hat. Weder Österreich noch Italien haben dann noch das geringste Interesse, Bismarcks23 Kastanien aus dem Feuer eines europäischen Riesenkampfes zu holen. Das Deutsche Reich fällt zurück in die isolierte Stellung, wo, wie Moltke sagt, jedermann es fürchtet und niemand es liebt, wie das unvermeidliche Resultat seiner Politik ist. Dann wird auch die gegenseitige Annäherung des um seine Freiheit ringenden Rußlands und des republikanischen Frankreichs der Lage beider Länder ebenso entsprechend wie der europäischen Gesamtlage ungefährlich sein, und dann wird auch Bismarck, oder wer ihm nachfolgt, sich dreimal besinnen, ehe er einen Krieg mit Frankreich vom Zaun bricht, wo weder Rußland gegen Österreich, noch Österreich gegen Rußland ihm die Flanke deckt, wo beide sich über jede ihm zugefügte Niederlage freuen würden und wo es sehr fraglich ist, ob er mit den Franzosen allein fertig wird. Dann wären alle Sympathien auf seiten Frankreichs und dieses im schlimmsten Fall vor ferneren Gebietsverlust sicher. Statt also auf Krieg loszusteuern, würde das Deutsche Reich wahrscheinlich die Isolierung bald so unerträglich finden, daß es einen aufrichtigen Ausgleich mit Frankreich suchte, und dann wäre all die furchtbare Kriegsgefahr beseitigt, Europa könnte abrüsten, und Deutschland hätte von allen am meisten gewonnen.

Österreich verliert an demselben Tage seine einzige historische Existenzberechtigung, die einer Barriere gegen den russischen Vormarsch auf Konstantinopel. Wird der Bosporus nicht mehr von Rußland her bedroht, so verliert Europa jedes Interesse am Bestand dieses bunt zusammengewürfelten Völkerkomplexes. Ebenso gleichgültig wird dann die ganze sogenannte orientalische Frage, der Fortbestand der türkischen Herrschaft in slawischen, griechischen und albanesichen Gegenden, und der Streit um den Besitz des Eingangs zum Schwarzen Meer, den dann niemand mehr gegen Europa monopolisieren kann. Magyaren, Rumänen, Serben, Bulgaren, Arnauten, Griechen24 und Türken werden dann endlich in die Lage kommen, ohne Einmischung fremder Gewalt ihre gegenseitigen Streitpunkte zu erledigen, ihre einzelnen nationalen Gebiete untereinander abzugrenzen, ihre inneren Angelegenheiten nach eignem Ermessen zu ordnen. Es zeigt sich mit einem Schlag, daß das große Hindernis der Autonomie und freien Gruppierung der Völker und Völkertrümmer zwischen den Karpaten und dem Ägäischen Meer niemand anders war als dasselbe Zarentum, das die vorgebliche Befreiung dieser Völker zum Deckmantel seiner Weltherrschaftspläne gebraucht.

Frankreich wird befreit aus der unnatürlichen Zwangsstellung, worin die Allianz mit dem Zaren es eingeklemmt hat. Widerstrebt dem Zaren die Allianz mit der Republik, so widerstrebt dem französischen revolutionären Volk noch weit mehr der Bund mit dem Despoten, dem Knebler Polens und Rußlands. In einem Krieg an der Seite des Zaren wäre es Frankreich verboten, im Fall einer Niederlage sein großes, einzig wirksames Rettungsmittel anzuwenden, das Heilmittel von 1793, die Revolution, die Aufbietung aller Volkskräfte durch den Schrecken und die revolutionäre Propaganda in Feindesland; in diesem Fall würde der Zar sofort mit den Feinden Frankreichs sich vereinigen, da die Zeiten seit 1848 sich bedeutend geändert haben und der Zar seitdem auch in Rußland den Terror aus eigner Anschauung kennengelernt hat. Die Allianz mit dem Zaren ist also keine Stärkung Frankreichs, im Gegenteil: Im Moment der höchsten Gefahr hält sie sein Schwert in der Scheide fest. Steht aber in Rußland an der Stelle des mächtigen Zaren eine russische Nationalversammlung, dann ist die Allianz des neubefreiten Rußlands mit der Französischen Republik eine selbstverständliche und naturgemäße, dann fördert sie die revolutionäre Bewegung in Frankreich, statt sie zu hemmen, dann ist sie ein Gewinn für das um seine Emanzipation kämpfende europäische Proletariat. Also auch Frankreich gewinnt durch den Sturz der zarischen Allgewalt.

Damit schwinden alle Vorwände für die wahnsinnigen Rüstungen, die ganz Europa in ein Heerlager verwandeln und den Krieg fast als eine Erlösung erscheinen lassen. Sogar der Deutsche Reichstag müßte dann bald den unaufhörlich wachsenden Geldforderungen für Kriegszwecke einen Damm entgegensetzen.

Und damit käme der Westen in die Lage, sich ungestört durch fremde Ablenkung und Einmischung mit seiner gegenwärtigen historischen Aufgabe beschäftigen zu können: mit dem Konflikt zwischen Proletariat und Bourgeoisie und der Überführung der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische25.

Der Sturz der zarischen Selbstherrschaft in Rußland würde diesen Prozeß aber auch direkt beschleunigen. An dem Tage, wo die Zarenherrschaft fällt, diese letzte starke Festung der gesamteuropäischen Reaktion – an dem Tage weht ein total anderer Wind in ganz Europa. Denn das wissen die reaktionären Regierungen Europas26 sehr genau: Trotz aller Zänkereien mit dem Zaren wegen Konstantinopel etc. können Augenblicke kommen, wo sie ihm Konstantinopel, Bosporus, Dardanellen und alles, was er sonst noch verlangt, in den Schoß werfen, wenn er sie nur gegen die Revolution schützt. An dem Tage daher, wo diese Hauptfestung selbst in die Hände der Revolution übergeht, ist es aus mit dem letzten Funken von Selbstvertrauen und Sicherheit bei den reaktionären Regierungen Europas; sie sind dann allein auf sich selbst angewiesen und werden bald erfahren, welchen Unterschied das macht. Vielleicht wären sie imstande, ihre Armeen einmarschieren zu lassen, um die Autorität des Zaren herzustellen – welche Ironie der Weltgeschichte!27

Das sind die Punkte, kraft deren der Westen Europas überhaupt, und namentlich die westeuropäische Arbeiterpartei, interessiert, sehr tief interessiert ist am Sieg der russischen revolutionären Partei und am Sturz des zarischen Absolutismus. Europa gleitet wie auf einer schiefen Ebene mit wachsender Geschwindigkeit abwärts, dem Abgrund eines Weltkriegs von bisher unerhörter Ausdehnung und Heftigkeit entgegen. Nur eins kann hier Halt gebieten: ein Systemwechsel in Rußland. Daß er binnen wenig Jahren kommen muß, daran kann kein Zweifel sein. Möge er noch rechtzeitig kommen, ehe das sonst Unvermeidliche geschieht.

London, Ende Februar 1890

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 22, Berlin: Dietz Verlag 1963, S. 30-48.