In Sachen
Brentano contra Marx
wegen angeblicher Zitatsfälschung
Geschichtserzählung und Dokumente
Nach der Erstausgabe Hamburg 1891.
In der Vorrede zur 4. Auflage des ersten Bandes von Marx' „Kapital“1 sah ich mich genötigt, zurückzukommen auf eine 1872 von einem Anonymus in der Berliner „Concordia“ angezettelte und 1883 von Herrn Sedley Taylor in Cambridge in der „Times“ wiederaufgenommene Polemik gegen Marx. Der Anonymus, der von Herrn Taylor als Herr Lujo Brentano enthüllt wurde, hatte Marx der Zitatsfälschung angeklagt. Der kurze Bericht, den ich in jener Vorrede (sie ist abgedruckt unter den angehängten Dokumenten, Nr. 12)2 über die Angelegenheit gab, hatte keineswegs den Zweck, Herrn Brentano angenehm zu sein; was war natürlicher, als daß er mir antwortete? Und zwar geschah dies in einer Broschüre: „Meine Polemik mit Karl Marx. Zugleich ein Beitrag zur Frage des Fortschritts der Arbeiterklasse und seiner Ursachen.“ Von Lujo Brentan . Berlin, Walther & Apolant, 1890.
Diese Broschüre gibt uns zuviel und zuwenig. Zuviel, weil sie „zugleich“ uns Herrn Brentanos Ansichten über „den Fortschritt der Arbeiterklasse und seine Ursachen“ des breiteren mitteilt. Diese gehn den Streitpunkt absolut nichts an. Ich bemerke nur dies: Herrn Brentanos stets wiederholte Erklärung, daß Arbeiterschutzgesetzgebung und Gewerkvereinsorganisationen die Lage der Arbeiterklasse zu verbessern geeignet sind, ist keineswegs seine eigne Entdeckung. Von der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ und der „Misère de la philosophie“ bis zum „Kapital“ und bis zu meinen jüngsten Schriften haben Marx und ich dies hundertmal gesagt, aber mit sehr starken Einschränkungen. Erstens beschränken sich die günstigen Wirkungen namentlich der Widerstandsfachvereine auf die Zeiten mittleren und flotten Geschäftsgangs; in Perioden der Stagnation und Krise versagen sie regelmäßig; Herrn Brentanos Behauptung, daß sie „die ver hängnisvollen Wirkungen der Reservearmee zu paralysieren vermögen“, ist lächerliche Prahlerei. Und zweitens – von andern, weniger wichtigen Einschränkungen abgesehn – beseitigt weder der Schutz der Gesetzgebung, noch der Widerstand der Fachvereine die Hauptsache, die beseitigt werden muß: das Kapitalverhältnis, das den Gegensatz zwischen Kapitalistenklasse und Lohnarbeiterklasse stets neu erzeugt. Die Masse der Lohnarbeiter bleibt zu lebenslänglicher Lohnarbeit verdammt, die Kluft zwischen ihnen und den Kapitalisten wird immer tiefer und breiter, je mehr die moderne große Industrie sich aller Produktionszweige bemächtigt. Weil aber Herr Brentano den Lohnsklaven gern zum zufriednen Lohnsklaven machen möchte, deshalb muß er die vorteilhaften Wirkungen von Arbeiterschutz, Fachvereinswiderstand, sozialer Flickgesetzgebung usw. ins Kolossale übertreiben, und weil wir diesen Übertreibungen die einfachen Tatsachen entgegenzuhalten imstande sind – deshalb sein Zorn.
Zuwenig gibt jene Broschüre, weil sie von den Dokumenten jener Polemik nur die zwischen Herrn Brentano und Marx gewechselten Aktenstücke, nicht aber die seitdem mit Bezug auf die Frage erschienenen mitteilt. Um also den Leser in den Stand zu setzen, sich ein Gesamturteil zu bilden, gebe ich im Anhang 1. die inkriminierten Stellen aus der Inauguraladresse des Generalrats der Internationale und aus dem „Kapital“; 2. die Polemik zwischen Herrn Brentano und Marx; 3. diejenige zwischen Herrn Sedley Taylor und Eleanor Marx; 4. meine Vorrede zur 4. Auflage des „Kapitals“ und Herrn Brentanos Erwiderung darauf; und 5. das auf die Briefe Gladstones an Herrn Brentano Bezügliche. Es versteht sich, daß ich dabei alle diejenigen Stellen der Brentanoschen Auseinandersetzungen weglasse, die nicht die Frage der Zitatsfälschung berühren, sondern nur seinen „Beitrag zur Frage des Fortschritts“ usw. ausmachen.