IV
Hiermit schließt der erste Akt unsrer Haupt- und Staatsaktion. Der geheimnisvolle, wenn auch noch nicht geheimrätliche Herr Brentano hat erreicht, was zu erreichen er kaum hoffen durfte. Allerdings war es ihm schlecht genug gegangen mit dem angeblich „hinzugelognen“ Satz; diese ursprüngliche Anklage hatte er tatsächlich fallengelassen. Aber er hatte sich eine neue Verteidigungslinie ausgesucht, und in dieser hatte er – das letzte Wort behalten, und damit kann man in der deutschen Dozentenwelt sagen, man habe das Schlachtfeld behauptet. Somit konnte er sich damit brüsten, wenigstens vor seinesgleichen, Marx' Angriffe siegreich abgeschlagen, ihn selbst aber literarisch totgemacht zu haben. Der unglückliche Marx jedoch erfuhr von dieser seiner Abschlachtung in der „Concordia“ kein Sterbenswörtchen; im Gegenteil, er hatte die „Stirne“, noch elf Jahre fortzuleben, elf Jahre stets wachsender Erfolge für ihn, elf Jahre ununterbrochenen Wachstums der Zahl seiner Anhänger in allen Ländern, elf Jahre stets allgemeinerer Anerkennung seiner Verdienste.
Herr Brentano und Genossen hüteten sich weislich, den verblendeten Marx aus dieser Selbsttäuschung zu reißen oder ihm klarzumachen, daß er vielmehr seit lange ein toter Mann sei. Aber nachdem er 1883 wirklich gestorben, da hielten sie es nicht länger aus, es juckte gar zu gewaltig in den Fingern. Und nun trat Herr Sedley Taylor auf die Bühne in einem Brief an die „Times“ (Dokumente, Nr. 8)1.
Die Gelegenheit bricht er sich vom Zaun, wenn er oder sein Freund Brentano sie nicht, wie es fast den Anschein hat, mit Herrn Emile de Laveleye direkt abgekartet hatten. Mit dem geschraubten Stil, der ein gewisses Bewußtsein seiner faulen Sache verrät, scheint es ihm „äußerst eigentümlich, daß es dem Professor Brentano vorbehalten war, acht Jahre später die mala fides“ (von Marx) „zu enthüllen“.
Und nun fängt die Ruhmredigkeit an von den meisterhaft geführten Angriffen des göttergleichen Brentano, von den schleunigst erfolgenden Todeswindungen des verruchten Marx usw. Wie das in der Wirklichkeit aussah, haben unsere Leser gesehn. In Todeswindungen verfiel nur die Brentanosche Behauptung von der Hinzugelogenheit des fraglichen Satzes.
Endlich zum Schluß:
„Als Brentano durch eine ins einzelne gehende Textvergleichung bewies, daß die Berichte der ‚Times‘ und von Hansard übereinstimmten im absoluten Ausschluß des Sinnes, den pfiffig isolierte Zitierung den Gladstoneschen Worten untergeschoben hatte, da zog Marx sich zurück unter dem Vorwand des Zeitmangels!“
Die „eingehende Textvergleichung“ ist gar zu burlesk. Der anonyme Brentano zitiert nur Hansard. Marx liefert ihm den „Times“-Bericht, der den streitigen, bei Hansard fehlenden Satz wörtlich enthält. Jetzt zitiert Herr Brentano auch den „Times“-Bericht, und zwar noch drei Zeilen weiter als Marx ihn zitiert hat. Diese drei Zeilen sollen beweisen, daß „Times“ und Hansard völlig übereinstimmen, daß also der angeblich von Marx „hinzugelogne“ Satz nicht im „Times“-Bericht steht, obgleich er wörtlich darin steht; oder doch mindestens, daß, wenn er auch darin steht, er das Gegenteil von dem bedeutet, was er mit dürren Worten sagt. Diese halsbrechende Operation nennt Herr Taylor eine „eingehende Textvergleichung“.
Ferner. Es ist einfach nicht wahr, daß hierauf Marx sich zurückzog unter dem Vorwand des Zeitmangels. Und Herr Sedley Taylor wußte das oder war verpflichtet, es zu wissen. Wir haben gesehn, daß Marx erst noch dem anonymen göttergleichen Brentano den Beweis lieferte, daß die Berichte des „Morning Star“ und des „Morning Advertiser“ den „hinzugelognen“ Satz ebenfalls enthalten. Und erst dann erklärte er, dem Anonymus keine weitere Zeit opfern zu können.
Die weitere Polemik zwischen ihm und Eleanor Marx (Dokumente, Nr. 9, 10 u. 11)2 bewies zunächst, daß Herr Sedley Taylor nicht für einen Augenblick versuchte, die ursprüngliche Anklage von wegen Hinzulügen eines Satzes aufrechtzuerhalten. Das sei, erlaubt er sich zu behaupten, „von sehr untergeordneter Bedeutung gewesen“. Wieder direkte Ableugnung einer Tatsache, die ihm bekannt war oder bekannt sein mußte.
Jedenfalls nehmen wir Akt von seinem Eingeständnis, daß diese Anklage nicht aufrechtzuerhalten ist, und gratulieren seinem Freund Brentano dazu.
Was ist denn nun die Anklage? Einfach die der zweiten Verteidigungslinie des Herrn Brentano, Marx habe den Sinn der Gladstoneschen Rede entstellen wollen – eine neue Anklage, von der, wie gesagt, Marx nie etwas bekannt geworden war. Jedenfalls sind wir hiermit auf ein ganz andres Gebiet geführt. Anfangs handelte es sich um eine bestimmte Tatsache: hat Marx diesen Satz hinzugelogen oder nicht? Daß diese Anklage von Marx siegreich zurückgewiesen, wird jetzt nicht mehr geleugnet. Die neue Anklage sinnentstellender Zitierung aber führt uns auf das Gebiet der subjektiven Meinungen, die notwendig verschieden sind. De gustibus non est disputandum.3 Was der eine für unwichtig – an und für sich oder für den Zweck des Zitats – ansieht, wird ein andrer für wichtig und entscheidend erklären. Der Konservative wird [nie] dem Liberalen, der Liberale nie dem Konservativen, der Sozialist nie einem von beiden oder allen beiden genehm zitieren. Der Parteimann, dessen eigne Parteigenossen von Gegner gegen ihn zitiert werden, findet regelmäßig, daß die wesentlichste, den wahren Sinn bestimmende Stelle im Zitat weggelassen ist. Das ist etwas so Alltägliches und so viele individuelle Ansichten Zulassendes, daß kein Mensch auf dergleichen Anklagen das geringste Gewicht legt. Hätte Herr Brentano seine Anonymität dazu benutzt, diese und nur diese Anklage gegen Marx zu erheben, so hätte dieser es schwerlich der Mühe wert gehalten, ein Wort zu erwidern.
Um diese neue Wendung mit der ihm eignen Eleganz auszuführen, sieht Herr Sedley Taylor sich in die Notwendigkeit versetzt, seinen Freund und Genossen Brentano dreimal zu verleugnen. Er verleugnet ihn erstens, indem er dessen ursprünglich einzige Anklage auf „Hinzulügung“ fallenläßt und sogar deren Existenz als ursprüngliche und einzige bestreitet. Er verleugnet ihn ferner, indem er den unfehlbaren Hansard, den ausschließlich zu zitieren „Sitte“ des sittlichen Brentano ist, ohne weiteres beiseite schiebt und den nach ebendemselben Brentano „notwendig stümperhaften Bericht“ der „Times“ benutzt. Er verleugnet ihn drittens, und seinen eignen ersten Brief an die „Times“ obendrein, indem er das „betreffende Zitat“ nicht mehr in der Inauguraladresse sucht, sondern im „Kapital“. Und zwar einfach, weil er die Inauguraladresse, auf die sich im Brief an die „Times“ zu berufen er „die Verwegenheit hatte“, nie in der Hand gehabt! Kurz nach seiner Kontroverse mit Eleanor Marx suchte er diese Adresse vergebens im Britischen Museum und wurde dort dieser seiner Gegnerin vorgestellt mit der Anfrage, ob sie ihm nicht ein Exemplar verschaffen könne? Worauf ich eins aus meinen Papieren hervorsuchte, das Eleanor ihm zukommen ließ. Die ihm dadurch ermöglichte „eingehende Textvergleichung“ scheint ihn überzeugt zu haben, daß Schweigen die beste Antwort sei.
Und in der Tat wäre es überflüssig, der Duplik (Dokumente, Nr. 11)4 von Eleanor Marx ein einziges Wort hinzuzutun.