V
Dritter Akt. Meine unter den Dokumenten, Nr. 121, so weit als nötig abgedruckte Vorrede zur 4. Auflage des ersten Bandes von Marx' „Kapital“ erklärt, warum ich darin auf die längst vergangnen Polemiken der Herren Brentano und Sedley Taylor zurückkommen mußte. Diese Vorrede zwang Herrn Brentano zur Antwort; sie erfolgte in der Broschüre: „Meine Polemik mit Karl Marx usw.“, von Lujo Brentano, Berlin 1890. Hier läßt er seine anonymen, jetzt endlich legitimierten „Concordia“-Artikel und Marx' Antworten im „Volksstaat“ wiederabdrucken, begleitet von einer Einleitung und zwei Anhängen, worauf wir, wohl oder übel, einzugehn gezwungen sind.
Vor allen Dingen konstatieren wir, daß auch hier von dem „hinzugelogenen“ Satz keine Rede mehr ist. Gleich auf der ersten Seite wird der Satz aus der Inauguraladresse zitiert und dann behauptet, Gladstone habe „im direkten Gegensatz zu der Angabe von Karl Marx gesagt“, diese Zahlen beziehen sich nur auf diejenigen, die Einkommensteuer bezahlen (was Marx ebenfalls Gladstone sagen läßt, da er ausdrücklich jene Zahlen auf das steuerpflichtige Einkommen beschränkt), aber die Lage der Arbeiterklasse habe sich gleichzeitig beispiellos verbessert (was ebenfalls Marx Gladstone, nur neun Zeilen vor dem angefochtenen Zitat, hat sagen lassen). Ich ersuche den Leser, die Inauguraladresse (Dokumente, Nr. 1)2 mit Herrn Brentanos Behauptung (Dokumente, Nr. 13)3 selbst zu vergleichen, um zu sehn, wie Herr Brentano einen Gegensatz entweder „hinzulügt“ oder sonstwie fabriziert, wo absolut keiner ist. Aber da die Anklage wegen des hinzugelognen Satzes schmählich gescheitert, muß Herr Brentano wider besseres Wissen seinen Lesern aufzubinden suchen, Marx habe die Tatsache unterschlagen wollen, daß Gladstone hier nur vom „steuerpflichtigen Einkommen“ oder vom Einkommen der Klassen spricht, die Eigentum besitzen. Dabei merkt Herr Brentano nicht einmal, daß damit seine erste Anklage in ihr Gegenteil verkehrt ist, indem diese zweite der ersten direkt ins Gesicht schlägt.
Nachdem er diese „Fälschung“ glücklich fertiggebracht, findet er sich bewogen, die „Concordia“ auf die von Marx angeblich gemachte „Fälschung“ aufmerksam zu machen, die ihn dann auffordert, ihr einen Artikel gegen Marx einzuschicken. Was nun folgt, ist zu köstlich, um nicht wortgetreu gegeben zu werden:
„Der Artikel wurde nicht von mir unterzeichnet; es geschah dies einerseits auf Wunsch der Redaktion im Interesse des Ansehens ihres Blattes, andrerseits hatte ich um so weniger dagegen einzuwenden, als nach den früher von Marx geführten Streitigkeiten zu erwarten war, daß er seinen Gegner mit persönlichen Schmähungen überschütten würde, und es daher nur erheiternd wirken konnte, ihn in bezug auf die Person seines Gegners im dunkeln zu lassen.“
Also die Redaktion der „Concordia“ wünschte „im Interesse des Ansehens ihres Blattes“, daß Herr Brentano seinen Namen verschwieg! Was für einen Ruf des Herrn Brentano setzt dies bei seinen eignen Parteifreunden voraus! Daß ihm das passiert ist, glauben wir ihm gern, aber daß er selbst das an die große Glocke hängt, das ist wirklich pyramidal von dem Herrn. Jednoch, das möge er mit sich selbst und der Redaktion der „Concordia“ ausmachen.
Da „zu erwarten war, daß Marx seinen Gegner mit persönlichen Schmähungen überschütten würde“, konnte es natürlich „nur erheiternd wirken, wenn man ihn über die Person seines Gegners im dunkeln ließ“. Wie man es macht, eine Person, die man nicht kennt, mit persönlichen Schmähungen zu überschütten, war bisher ein Geheimnis. Man kann doch nur persönlich werden, wenn man etwas von der betreffenden Person weiß. Nun aber überhob der im Interesse des Ansehens des Blattes anonym gemachte Herr Brentano seinen Gegner dieser Mühe. Er fing selbst an, lustig draufloszuschmähen, zuerst mit dem fettgedruckten „Hinzulügen“, dann mit der „frechen Verlogenheit“, „einfach infam“ usw. Herr Brentano, der Nicht-Anonyme, hat sich hier also offenbar verschrieben. Nicht damit der bekannte Marx den unbekannten Brentano, sondern damit der verheimlichte Brentano den bekannten Marx „mit persönlichen Schmähungen überschütten“ könne, deshalb hatte Herr Brentano „andererseits um so weniger einzuwenden“ gegen die ihm diktierte Anonymität.
Und das sollte „erheiternd wirken“! In der Tat, das ist dabei herausgekommen, aber nicht mit Willen des Herrn Brentano. Marx, wie später seine Tochter und jetzt ich, wir alle bemühen uns, dieser Polemik eine heitre Seite abzugewinnen. Aber welchen Erfolg wir dabei haben, groß oder klein, den haben wir auf Kosten des Herrn Brentano. Seine Artikel sind alles andre, nur nicht „erheiternd“. Was da an Erheiterung abfällt, ist einzig den Hieben geschuldet, die Marx auf die Schattenseite seiner „im dunkeln gelassenen Person“ fallen läßt und über die der Getroffene jetzt nachträglich als über „die Flegeleien seiner skurrilen Polemik“ hinwegschlüpfen möchte. „Flegeleien skurriler Polemik“ nannten die junkerlichen, pfäffischen, juristischen und sonstwie zünftigen Gegner die scharfen Polemiken Voltaires, Beaumarchais', Paul Louis Couriers, was diese „Flegeleien“ nicht verhindert hat, heute als Muster und Meisterwerke anerkannt zu sein. Und wir haben an jenen und andern Mustern „skurriler Polemik“ viel zuviel Genuß gehabt, als daß es hundert Brentanos gelingen sollte, uns hinabzuziehn auf das Gebiet deutscher Universitätspolemik, wo da nichts herrscht als die ohnmächtige Bosheit des blassen Neides und die ödeste Langweiligkeit.
Herr Brentano indes hält jetzt seine Leser wieder für so weit eingeselft, daß er ihnen mit unverfroerner Miene eine starke Prise Tabak bieten darf:
„Und als dargetan wurde, daß auch die ‚Times' ... diese“ (Gladstonesche) „Rede in einem mit dem stenographischen Bericht übereinstimmenden Sinne gebracht habe, machte er“ (Marx) „es, wie die Redaktion der ‚Concordia' schrieb, wie der Tintenfisch, der das Wasser mit einer schwarzen Flüssigkeit trübt, um seinem Gegner die Verfolgung zu erschweren, d.h. er suchte nach Kräften den Streitgegenstand zu verdunkeln, indem er sich an ganz gleichgültige Nebendinge heftete.“
Wenn der „Times“-Bericht, der den „hinzugelognen“ Satz wörtlich enthält, im Sinn übereinstimmt mit dem „stenographischen“ – soll heißen mit Hansard –, der ihn wörtlich unterdrückt, und wenn Herr Brentano sich abermals damit brüstet, dies dargetan zu haben, was anders heißt das, als daß die Anklage von wegen des „hinzugelognen“ Satzes vollständig, wenn auch verschämt und im stillen, fallengelassen wird und daß Herr Brentano, aus der Offensive in die Defensive gedrängt, sich auf seine zweite Verteidigungslinie zurückzieht? Wir konstatieren dies bloß; wir glauben auch diese zweite Stellung in Abschnitt III und IV total im Zentrum gesprengt und nach beiden Flügeln aufgerollt zu haben.
Dann aber kommt der echte Universitätspolemiker. Als der siegkühne Brentano seinen Gegner derart in die Enge getrieben, da machte dieser es wie der Tintenfisch, indem er das Wasser schwärzte und den Streitgegenstand durch Hervorhebung von ganz gleichgültigen Nebendingen verdunkelte.
Die Jesuiten sagen: Si fecisti, nega. Hast du etwas begangen, so leugne es ab. Der deutsche Universitätspolemiker geht weiter und sagt: Hast du einen faulen Advokatenkniff begangen, so schiebe ihn dem Gegner in die Schuhe. Kaum hat Marx die „Theory of the Exchanges“ und den Professor Beesly zitiert, und zwar bloß, weil sie die streitige Stelle ebenso zitierten wie er, so „heftet sich“ der Tintenfisch Brentano mit allen Saugnäpfen seiner zehn Füße an sie fest und verbreitet einen solchen Erguß seiner „schwarzen Flüssigkeit“ ringsumher, daß man scharf zusehn und fest zugreifen muß, will man den wirklichen „Streitgegenstand“, nämlich den angeblich hinzugelogognen Satz, nicht aus Auge und Hand verlieren. In seiner Duplik ganz dieselbe Methode. Zuerst wird mit Marx ein neuer Krakeel angebandelt von wegen der Bedeutung des Ausdrucks classes in easy circumstances, ein Krakeel, wobei im besten Fall nichts herauskommen konnte als ebendiese, Herrn Brentano erwünschte „Verdunkelung“. Sodann wird wieder schwarze Flüssigkeit ergossen bei Gelegenheit des berühmten Relativsatzes, den Marx böswillig unterschlagen habe und der, wie wir nachgewiesen, ganz gut ausgelassen werden konnte, weil die Tatsache, auf die er indirekt hindeutete, in einem früheren, von Marx angeführten Satz der Rede bereits klar und deutlich direkt gesagt war. Und drittens hat unser Tintenfisch noch schwarze Sauce genug übrig, um den Streitgegenstand abermals zu verdunkeln, indem er behauptet, Marx habe im Zitat aus der „Times“ wieder einige Sätze unterschlagen – Sätze, die mit dem einzigen, damals zwischen beiden streitigen Punkt, dem angeblich hinzugelogognen Satz, absolut nichts zu tun hatten.
Dieselbe Sepiaverschwendung in der vorliegenden Selbstapologie. Erst muß natürlich wieder die „Theory of the Exchanges“ vorhalten. Dann wird uns unversehens das Lassallesche „eherne Lohngesetz“ entgegengehalten, womit bekanntlich Marx ebensoviel zu tun hatte wie Herr Brentano mit der Erfindung des Schießpulvers, und obgleich Herr Brentano wissen muß, daß Marx im ersten Band des „Kapitals“ ausdrücklich gegen alle und jede Verantwortlichkeit für irgendwelche Schlußfolgerungen Lassalles verwahrt4 und daß das Gesetz des Arbeitslohnes im selben Buch von Marx als eine Funktion verschiedener Variabeln und als sehr elastisch, also alles andre denn als ehern dargestellt wird. Und da nun die Tintenergüsse einmal im Gang sind, so ist kein Halten mehr, der Haller Kongreß, Liebknecht und Bebel, Gladstones Budgetrede von 1843, die englischen Gewerkschaften, alles mögliche wird an den Haaren herbeigezogen, um die Verteidigung gegen den nun in die Offensive übergegangnen Gegner zu decken durch eine Selbstapologie des Herrn Brentano und seiner edlen, menschenfreundlichen, von den bösen Sozialisten so höhnisch behandelten Grundsätze. Man solle meinen, ein ganzes Dutzend Tintenfische hälfen hier bei der „Vertuschung“.
Und alles dies, weil Herr Brentano selbst weiß, daß er sich unrettbar festgeritten mit der Behauptung vom „hinzugelognen“ Satz und nicht den Mut hat, diese Behauptung offen und ehrlich zurückzunehmen. Um seine eignen Worte zu gebrauchen:
„Hätte nun“ Brentano „einfach eingestanden, daß er durch jenes Buch“, Hansard, „irregeführt worden sei..., so hätte man sich zwar darüber gewundert, daß er sich auf solche Quellen“ als unbedingt verläßlich „verlassen habe, aber der Fehler wäre wenigstens wiedergutgemacht worden. Allein davon war bei ihm keine Rede.“
Statt dessen wird die Tinte literweise zur Verdunkelung ausgeströmt, und wenn ich hier so weitläufig werden muß, so geschieht es nur, weil ich erst alle diese mit den Haaren herbeigeschleppten Nebendinge entfernen und die Verdunkelungstinte zerstreuen muß, um den wirklichen Streitgegenstand im Aug' und in der Hand zu behalten.
Indes hat Herr Brentano noch eine Mitteilung für uns in petto, die in der Tat „nur erheiternd wirken kann“. Es ist ihm in der Tat so bedauernswert mitgespielt worden, daß er nicht Ruhe noch Rast findet, bis er uns all sein Pech vorgejammert hat. Erst unterdrückt die „Concordia“ seinen Namen im Interesse des Ansehens ihres Blattes. Herr Brentano ist edelmütig genug, im Interesse der guten Sache sich dies Opfer aufnötigen zu lassen. Dann läßt Marx die Flegeleien seiner skurrilen Polemik auf ihn herabrasseln. Auch diese steckt er ein. Nur wollte er darauf „mit dem wortgetreuen Abdruck der ganzen Polemik antworten“. Aber leider!
„Redaktionen haben oft ein eignes Urteil; die Fachzeitschrift, die ich hierfür vor allen andren für geeignet gehalten hatte, lehnte den Abdruck ab, indem sie erklärte, der Streit entbehre des allgemeinen Interesses.“
So geht es dem Edlen in dieser sündigen Welt; seine besten Absichten scheitern an der Schlechtigkeit oder Gleichgültigkeit der Menschen. Und um unsern verkannten Biedermann für dies unverdiente Mißgeschick zu entschädigen, und da es doch wohl einige Zeit dauern wird, bis er eine Redaktion auftreibt, die nicht „oft ein eignes Urteil hat“, überreichen wir ihm hiermit „den wortgetreuen Abdruck der ganzen Polemik“.