MEW/22/ME22-119.html

VI

Außer der einleitenden Selbstapologie enthält Herrn Brentanos Broschürchen noch zwei Anhänge. Der erste enthält Auszüge aus der „Theory of the Exchanges“, die beweisen sollen, daß dies Buch eine der Hauptquellen war, aus denen Marx sein „Kapital“ zurechtgemacht hat. Auf diese wiederholte Sepiaverschwendung gehe ich nicht ein. Ich habe nur zu tun mit der alten Anklage aus der „Concordia“. Marx hat es sein ganzes Leben lang Herrn Brentano nicht recht machen können und nicht recht machen wollen. Herr Brentano hat also sicher einen ganzen bodenlosen Sack voll Beschwerden gegen Marx, und ich wäre ein Narr, ließe ich mich darauf ein. Das hieße, ihm zu Gefallen Schraube ohne Ende spielen.

Naiv ist nur, daß hier, am Schluß der Zitate, von Marx „die Wiedergabe der wirklichen Budgetrede“ verlangt wird. Das also ist es, was Herr Brentano unter richtigem Zitieren versteht. Allerdings, wenn immer die ganze wirkliche Rede wiedergegeben werden soll, dann ist noch nie eine Rede ohne „Fälschung“ zitiert worden.

Im zweiten Anhang rückt Herr Brentano mir auf den Leib. Ich habe in der 4. Auflage des „Kapitals“, erster Band, dem angeblich falschen Zitat den Verweis auf den „Morning Star“ beigefügt. Und dies benutzt Herr Brentano, um den ursprünglichen Streitpunkt, die Stelle der Inauguraladresse, abermals durch einen Sepia-Erguß gänzlich zu verdunkeln und statt ihrer die bereits von Herrn S.Taylor angezogene Stelle des „Kapitals“ aufs Korn zu nehmen. Zum Beweis, daß diese meine Quellenangabe falsch ist und Marx das „falsche Zitat“ nur aus der „Theory of the Exchanges“ entlehnt haben kann, druckt Herr Brentano die Berichte der „Times“, des „Morning Star“ und das Zitat nach dem „Kapital“ in Parallelkolumnen nebeneinander. Dieser zweite Anhang ist hier abgedruckt unter den Dokumenten, Nr. 14b1.

Herr Brentano läßt den „Morning Star“ seinen Bericht anfangen mit den Worten: „Ich für meinen Teil“ usw. (I must say for one etc.) Damit behauptet er also, daß die vorhergehenden Sätze über das Wachstum des steuerpflichtigen Einkommens von 1842 bis 1852 und von 1853 bis 1861 im „Morning Star“ fehlen; woraus denn naturgemäß folgt, daß Marx nicht den „Morning Star“ benutzt hat, sondern die „Theory of the Exchanges“.

„Die Leser“ seiner Broschüre, „auf die es ihm ankommt, können ihn ja nicht kontrollieren!“ Aber andre Leute können es, und da finden sie, daß diese Stelle allerdings im „Morning Star“ figuriert. Wir drucken sie hier ab, und die Stelle aus dem „Kapital“ daneben, englisch und deutsch, zur Erbauung des Herrn Brentano und seiner Leser.

„Morning Star“, 17.April 1863

„In ten years, from 1842 to 1852 the taxable income of the country increased by 6 per cent, as nearly as I can make out – a very considerable increase in ten years. But in eight years from 1853 to 1861 the income of the country again increased from the basis taken in 1853 by 20 per cent. The fact is so astonishing as to be almost incredible.“

„Das Kapital“, I.Band, 1.Aufl., S.639; 2.Aufl., S.678; 3.Aufl., S.671; 4.Aufl., S.617, Note 1032

„From 1842 to 1852 the taxable income of the country increased by 6 per cent...

...In the 8 years from 1853 to 1861...

...it had increased from the basis taken in 1853, 20 per cent! The fact is so astonishing as to be almost incredible."

Zu deutsch:

„In zehn Jahren, von 1842 bis 1852, wuchs das besteuerbare Einkommen des Landes um 6%, so nah wie ich das feststellen kann – ein sehr beträchtlicher Zuwachs in zehn Jahren. Aber in acht Jahren, von 1853 bis 1861, wuchs das Einkommen des Landes abermals, wenn wir von der Basis von 1853 ausgehn, um 20%. Die Tatsache ist so erstaunlich, daß sie beinah unglaublich ist.“

„Von 1842–1852 wuchs das besteuerbare Einkommen dieses Landes um 6%...

... In den 8 Jahren von 1853 bis 1861 ... wuchs es, wenn wir von der Basis von 1853 ausgehen, um 20%. Die Tatsache ist so erstaunlich, daß sie beinah unglaublich ist."

Das Fehlen dieses Satzes in seinem Zitat aus dem „Morning Star“ ist der Haupttrumpf des Herrn Brentano bei seiner Behauptung, Marx habe aus der „Theory of the Exchanges“ zitiert und nicht aus dem „Morning...

„Star“. Der Angabe, das Zitat sei nach dem „Morning Star“ gemacht, hält er jene überführende Lücke in der Parallelkolumne entgegen. Und nun steht der Satz dennoch im „Morning Star“, und zwar ganz wie bei Marx, und die überführende Lücke ist Herrn Brentanos eignes Fabrikat. Wenn das nicht „Unterschlagung“ ist und „Fälschung“ dazu, so haben diese Worte überhaupt keinen Sinn.

Wenn aber am Anfang des Zitats Herr Brentano „fälscht“, und wenn er sich jetzt auch sehr hütet zu behaupten, in der Mitte desselben Zitats habe Marx einen Satz „hinzugelogen“, so hindert ihn das keineswegs, fortwährend zu beteuern, am Ende des Zitats unterschlage Marx.

Das Zitat bricht ab im „Kapital“ mit der Stelle:

„Daß die Extreme der Armut sich verändert haben, wage ich nicht zu sagen.“

Nun schließt hiermit im Bericht der „Times“ und des „Morning Star“ der Satz nicht ab; nur durch ein Komma getrennt, folgen darauf die Worte: „aber die Durchschnittslage des britischen Arbeiters – das zu wissen, sind wir so glücklich – ist eine außerordentliche“ (nach der „Times“: hat sich in den letzten 20 Jahren in einem Grad verbessert, von dem wir wissen, daß er außerordentlich ist), „daß wir sie beinahe als beispiellos bezeichnen können in der Geschichte aller Länder und Zeiten“.

Hier bricht also Marx mitten im Satz ab, „läßt Gladstone mitten im Satze schließen“, „wodurch dieser Satz völlig sinnlos wird“. Und schon in der Duplik (Dokumente, Nr.7) nennt Herr Brentano dies eine „absolut sinnlose Lesart“3.

Der Gladstonesche Satz: „Daß die Extreme der Armut sich verändert haben, wage ich nicht zu sagen“, ist eine ganz bestimmte, in sich abgeschlossene Aussage. Hat sie einen Sinn, so hat sie ihn, wenn sie für sich getrennt genommen wird. Hat sie keinen Sinn, so kann kein noch so langer, vermittelst eines „Aber“ ihr angehängter Schwanz ihr einen geben. Ist der Satz im Marxschen Zitat „völlig sinnlos“, so liegt das nicht an Marx, der ihn zitiert, sondern an Herrn Gladstone, der ihn ausgesprochen.

Wenden wir uns nun zur tiefern Ergründung dieses wichtigen Kasus an die einzige Quelle, die es nach Herrn Brentanos „Sitte“ ist zu zitieren, an den aller Erbsünde baren Hansard. Dort heißt es nach Herrn Brentanos eigener Übersetzung:

„Ich will mich nicht unterfangen, zu bestimmen, ob die weite Kluft, welche die äußersten Enden von Reichtum und Armut trennt, weniger oder mehr weit als in früheren Zeiten geworden ist“ – Punkt.

Und erst nach diesem Punkt beginnt der neue Satz: „Aber wenn wir die Durchschnittslage des britischen Arbeiters betrachten“ usw. Wenn Marx also hier ebenfalls ein Punktum setzt, so tut er dasselbe, was der sittenreine Hansard tut, und wenn Herr Brentano aus diesem Punktum Marx' ein neues Verbrechen macht und behauptet, Marx lasse Gladstone mitten im Satze schließen, so traut er eben „den notwendig nur stümperhaften Zeitungsberichten“ und hat sich die Folgen selbst zuzuschreiben. Hiermit zerfällt auch die Behauptung, Marx habe den Satz völlig sinnlos gemacht durch dies Punktum; selbiges gehört nicht ihm, sondern Herrn Gladstone, und mit diesem mag sich nun Herr Brentano wegen des Sinns oder Unsinns des Satzes benehmen, wir haben weiter nichts damit zu tun.

Denn Herr Brentano steht ohnehin mit Herrn Gladstone in Korrespondenz. Was er diesem geschrieben, erfahren wir freilich nicht, und was Herr Gladstone ihm geschrieben, davon erfahren wir auch nur das Geringste. Jedenfalls hat Herr Brentano aus den Gladstoneschen Briefen zwei dünne Sätzchen veröffentlicht (Dokumente, Nr. 16)4, von denen ich in meiner Antwort (Dokumente, Nr. 17)5 nachgewiesen habe, daß „diese willkürliche Mosaik aus dem Zusammenhang gerissener Sätze“ für Herrn Brentano gar nichts beweist, während die Tatsache, daß er sich zu dieser Art abgerissener Veröffentlichung hergibt, statt die ganze Korrespondenz drucken zu lassen, ganze Bände gegen ihn spricht.

Nehmen wir aber für einen Augenblick an, diese beiden Sätzchen ließen nur die für Herrn Brentano günstigste Deutung zu. Was dann?

„Sie haben völlig recht und Marx vollständig unrecht.“ „Ich habe keinerlei Veränderung vorgenommen.“ Dies die angeblichen – denn Herr Gladstone pflegt nicht deutsch zu schreiben, soviel ich weiß – Worte des Ex-Ministers.

Heißt das: Ich habe den „berüchtigten“ Satz nicht gesprochen und Marx hat ihn „hinzugelogt“? Sicher nicht. Die acht Londoner Morgenblätter vom 17. April 1863 würden eine solche Behauptung einstimmig Lügen strafen. Daß der Satz gesprochen worden, das beweisen sie ganz unzweifelhaft. Hat also Herr Gladstone am Hansardbericht keinerlei Änderung vorgenommen – ich, obwohl zwölf Jahre jünger als er, möchte nicht so bestimmt mich auf mein Gedächtnis verlassen in solchen Kleinigkeiten, die vor 27 Jahren passiert –, so beweist das Fehlen des Satzes im Hansard nichts für Herrn Brentano und sehr viel gegen Hansard.

Abgesehn von diesem einen Punkt von wegen des „hinzugelogten“

Satzes ist die Meinung des Herrn Gladstone hier völlig unmaßgeblich. Denn sowie wir diesen Punkt beiseite lassen, sind wir eben ausschließlich auf dem Gebiet der unmaßgeblichen Meinungen, wo nach jahrelangem Streit jeder auf seinem Kopf beharrt. Daß Herr Gladstone, wenn er einmal zitiert werden soll, die Zitiermethode des Herrn Brentano, eines ihn bewundernden Anhängers, vorzieht derjenigen von Marx, eines ihn scharf kritisierenden Gegners, das ist ganz selbstredend und sein unbestrittenes Recht. Für uns aber und für die Frage, ob Marx in gutem oder bösem Glauben zitiert hat, ist seine Ansicht hierüber nicht einmal soviel wert wie die des ersten besten unbeteiligten Dritten. Denn hier ist Herr Gladstone nicht mehr Zeuge, sondern Partei.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 22, Berlin: Dietz Verlag 1963, S. 119-123.