III
Sedley Taylor und Eleanor Marx
(In deutscher Übersetzung)
Nr. 8. S. Taylors Angriff
„Times“, 29. Nov. 1883
An den Redakteur en chef der „Times“
Erlauben Sie mir, in der „Times“ darauf hinzuweisen, daß der Ursprung des irreführenden Zitats aus Herrn Gladstones Budgetrede vom 16. April 1863, das ein so hervorragender Publizist wie Professor Emile de Laveleye im Vertrauen auf deutsche Quellen wiederzugeben verleitet wurde und bezüglich dessen er in der heutigen „Times“ eine Berichtigung einrückt, schon von 1864 datiert und sich findet in einer Adresse, die der Rat der famosen Internationalen Arbeiterassoziation veröffentlicht hat.
Was äußerst sonderbar erscheint, ist, daß es dem Professor Brentano (damals in Breslau, jetzt in Straßburg) vorbehalten war, acht Jahre später in einer deutschen Zeitschrift die mala fides zu enthüllen, welche augenscheinlich das Zitat aus Gladstones Rede in der Adresse diktiert hatte.
Herr Karl Marx, der als der anerkannte Verfasser der Adresse das Zitat zu verteidigen suchte, hatte die Verwegenheit, in den Todeswindungen, auf die Brentanos meisterhaft geführte Angriffe ihn schleunigst herunterbrachten, zu behaupten, Herr Gladstone habe den Bericht seiner Rede in der „Times“ vom 17. April 1863 zurechtgestümpert, ehe er im Hansard erschien, um eine Stelle wegzupfuschen, die allerdings für einen englischen Schatzkanzler kompromittierlicher sei. Als Brentano durch eine ins einzelne gehende Textvergleichung bewies, daß die Berichte der „Times“ und von Hansard übereinstimmten in absolutem Ausschluß des Sinnes, den pfiffig isolierte Zitierung den Gladstoneschen Worten untergeschoben hatte, da zog Marx sich zurück unter dem Vorwand des „Zeitmangets“!
Die ganze Brentano-Marx-Korrespondenz ist im höchsten Grade wert, aus den sie begrabenden Zeitungssammlungen ausgegraben und in englischer Form wiederherausgegeben zu werden, da es auf den Maßstab der literarischen Ehrlichkeit des letztgenannten Disputanten ein Licht wirft, das nur schlecht entbehrlich ist zu einer Zeit, wo sein Hauptwerk uns vorgehalten wird als nichts Geringeres, denn ein neues Evangelium sozialer Wiedergeburt.
Ich bin, mein Herr,
Ihr ergebener Diener
Sedley Taylor
Trinity College, Cambridge, 26. November (1883)
Der obige Artikel erschien in der „Times“ vom 29. November 1883. Am 30. sandte Marx' jüngste Tochter Eleanor ihre Antwort an die „Times“. Die Antwort wurde nicht veröffentlicht. Ein zweiter Brief an den Redakteur en chef war ebenso erfolglos. E. Marx wandte sich nun an die „Daily News“, abermals vergebens. Sie veröffentlichte nun sowohl Herrn Sedley Taylors Anklage wie ihre Antwort im Februarheft 1884 der sozialistischen Monatsschrift „To-Day“. Die Antwort folgt hier.
Nr. 9. Eleanor Marx' Antwort
„To-Day“, Februar 1884
An den Redakteur en chef der „Times“
In der „Times“ vom 29. November erwähnt Herr Sedley Taylor ein gewisses Zitat einer Gladstoneschen Rede, das
„schon von 1864 datiert und sich findet in einer Adresse, die der Rat der famosen Internationalen Arbeiterassoziation veröffentlicht hat“.
Er fährt dann fort (ich zitiere hier Herrn Taylors Brief von „Was äußerst sonderbar erscheint“ bis „,Zeitmangels“).
Der Tatbestand ist kurz dieser. Das erwähnte Zitat besteht aus einigen Sätzen aus Herrn Gladstones Budgetrede vom 16. April 1863. Nachdem Herr Gladstone die ungeheure Reichtumsvermehrung beschrieben hat, die hier im Lande zwischen 1853 und 1861 stattgefunden, werden ihm die Worte in den Mund gelegt:
„Diese berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht ist gänzlich beschränkt auf Klassen, die Eigentum besitzen.“
Ein anonymer Schriftsteller, der sich jetzt als Professor Brentano herausstellt, veröffentlichte in einer deutschen Zeitschrift, „Concordia“, vom 7. März 1872 eine Antwort, worin es hieß:
„Dieser Satz befindet sich nirgends in der Gladstoneschen Rede. Marx hat den Satz formell und materiell hinzugezogen.“
Dies war der einzige streitige Punkt zwischen meinem Vater und seinem anonymen Gegner.
In seinen Antworten im Leipziger „Volksstaat“ vom 1. Juni und 7. August 18721 zitiert Marx folgende Berichte der Gladstoneschen Rede.
„Times“, 17. April:
„Die Vermehrung, die ich oben beschrieben habe und die, wie ich glaube, auf genauen Angaben beruht, ist eine Vermehrung, gänzlich beschränkt auf Klassen, die Eigentum besitzen.“
„Morning Star“, 17. April:
„Diese Vermehrung ist eine Vermehrung, die gänzlich beschränkt ist auf Eigentum besitzende Klassen.“
„Morning Advertiser“, 17. April:
„Die angegebene Vermehrung ist durchaus beschränkt auf Eigentum besitzende Klassen.“
Der anonyme Brentano, in den Todeswindungen, auf die“ seine „meisterhaft geführten Angriffe ihn schleunigst heruntergebracht hatten“, suchte jetzt Schutz unter der in solchen Umständen üblichen Behauptung, daß, wenn das Zitat eine Fälschung, es doch jedenfalls „irreführend“, „in mala fides“, „pfiffig isoliert“ sei usw. Ich fürchte, Sie würden mir nicht den Raum gewähren, auf diese, jetzt nach 11 Jahren von Herrn Taylor wiederholte Brentanosche Anklage zu antworten. Vielleicht wird dies auch nicht nötig sein, da Herr Taylor sagt:
„Die ganze Brentano-Marx-Korrespondenz ist im höchsten Grade wert, aus den sie begrabenden Zeitungssammlungen ausgegraben und in englischer Form wiederherausgegeben zu werden.“
Ich stimme dem vollkommen bei. Das Gedächtnis meines Vaters könnte nur gewinnen dabei. Was die Abweichungen der Zeitungsberichte über die fragliche Rede von dem Bericht im Hansard betrifft, so muß ich deren Erledigung denen überlassen, die am meisten dabei interessiert sind.
Aus den tausend und aber tausend Zitaten in den Schriften meines Vaters ist dies das einzige, dessen Richtigkeit jemals bestritten wurde. Die Tatsache, daß dies vereinzelte und nicht gerade glückliche Beispiel von den professoralen Ökonomen immer wieder hervorgesucht wird, ist bezeichnend genug. Um mit Herrn Taylor zu sprechen,
„wirft sie auf den Maßstab der literarischen Ehrlichkeit des letztgenannten Disputanten“ (Marx) „ein Licht, das nur schlecht entbehrlich ist zu einer Zeit, wo sein Hauptwerk uns vorgehalten wird als nichts Geringeres, denn ein neues Evangelium sozialer Wiedergeburt“.
Ich bin, mein Herr, Ihre ergebene
Eleanor Marx
London, 30. November 1883
Nr. 10. S. Taylors Replik
„To-Day“, März 1884
An die Redaktion von „To-Day“
Meine Herren. Niemand kann mehr bedauern als ich, daß man Fräulein Marx die Publizität verweigert hat, worauf sie ein so augenscheinliches Recht besaß. Ich bin jedoch weit entfernt von ihrer Ansicht, „der einzige streitige Punkt“ zwischen Dr. Marx und Professor Brentano sei der gewesen, ob ein gewisser Satz in Gladstones Rede vorkam oder nicht. Nach meiner Ansicht ist diese Frage von sehr untergeordneter Bedeutung gewesen, verglichen mit der Frage, ob das betreffende Zitat gemacht wurde mit der Absicht, Herrn Gladstones Sinn darzulegen oder zu entstellen.
Selbstredend wäre es unmöglich, in dieser Zuschrift den Inhalt der umfangreichen Kontroverse zwischen Brentano und Marx zu diskutieren, ohne Ihren Raum in unzulässiger Weise in Anspruch zu nehmen. Da jedoch Fräulein Marx in Ihren Spalten eine von mir öffentlich ausgesprochene Ansicht als eine „Verleumdung“ und ein „Libell“ bezeichnet hat(1), bin ich genötigt, Sie um den Abdruck, in Parallelkolumnen, der beiden folgenden Zitate zu bitten, wonach Ihre Leser selbst werden urteilen können, ob Dr. Marx in seinem großen Werk „Das Kapital“ die Budgetrede von 1863 ehrlich oder unehrlich zitiert hat. Warum ich den Bericht der „Times“ statt dessen von Hansard gebrauche, wird den Lesern der Marxschen Briefe in seiner Korrespondenz mit Brentano einleuchtend sein.
„Times“, 17. April 1863
„In zehn Jahren, von 1842 bis und einschließlich 1852, ist das steuerbare Einkommen des Landes, so genau wie wir dieses bestimmen können, um 6% gewachsen; aber in acht Jahren, von 1853 bis 1861, ist das Einkommen des Landes wiederum gewachsen um 20% über die genommene Grundlage. Dies ist eine Tatsache, so befremdend, daß sie fast unglaublich ist...
... Ich für meinen Teil muß sagen, ich würde fast mit Befürchtung und mit Schmerz auf diese berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht schauen, wenn es meine Ansicht wäre, daß sie beschränkt wäre auf die Klassen, die sich in wohlhabenden Umständen befinden. Dies nimmt durchaus keine Kenntnis von der Lage der arbeitenden Bevölkerung. Die Vermehrung, die ich beschrieben habe, und die, glaube ich, auf genauen Erhebungen beruht, ist eine Vermehrung, ganz und gar beschränkt auf die Klassen des Eigentums. Nun ist die Vermehrung des Kapitals von indirektem Vorteil für den Arbeiter, weil sie die Ware wohlfeilt, welche im Geschäft der Produktion in direkte Konkurrenz mit der Arbeit tritt. Aber wir haben diesen tiefen und ich muß sagen unschätzbaren Trost, daß, während die Reichen reicher, die Armen weniger arm geworden sind. Ob die Extreme der Armut weniger extrem sind, als sie waren, wage ich nicht zu sagen, aber die Durchschnittslage des britischen Arbeiters, wie wir das Glück haben zu wissen, hat sich während der letzten 20 Jahre gebessert in einem Grade, von dem wir wissen, daß er außerordentlich ist, und von dem wir fast sagen können, daß er beispiellos ist in der Geschichte jedes Landes und jedes Zeitalters."
„Das Kapital“, 2. Aufl.,
S.678, Note 103„Von 1842 bis 1852 wuchs das besteuerbare Einkommen dieses Landes um 6%...
... In den acht Jahren von 1853 bis 1861 wuchs es, wenn wir von der Basis von 1853 ausgehn, um 20%. Die Tatsache ist so erstaunlich, daß sie fast unglaublich ist...
... Diese berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht ist ganz und gar auf die Klassen des Eigentums beschränkt, aber ... aber sie muß von indirektem Vorteil für die Arbeiterbevölkerung sein, weil sie die Artikel der allgemeinen Konsumtion wohlfeilert...
... während die Reichen reicher, sind die Armen jedenfalls weniger arm geworden. Daß die Extreme der Armut sich verändert haben, wage ich nicht zu sagen." – „Gladstone im H. of C. 16. April 1863.“
Ich bitte um besondere Aufmerksamkeit auf den Sinn in den Stellen des „Times“-Berichts, die ich unterstrichen habe. Der Satz: „Ich für meinen Teil ... in wohlhabenden Umständen befinden“ teilt uns des Redners Ansicht mit, daß die soeben beschriebene berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht sich nicht beschränkt auf Leute in wohlhabenden Umständen. Hier ist, das ist wahr, ein Widerspruch in den Worten gegenüber dem späteren Satz: „Die Vermehrung... Eigentums“, aber die dazwischenstehenden Worte „diese nimmt... Bevölkerung“ zeigen, so daß kein Irrtum möglich bleibt, was Herr Gladstone meinte, nämlich daß die von ihm angegebnen Zahlen, weil gegründet auf die Einkommensteuer-Erhebungen, nur die nicht steuerfreien Einkommen einschließen2 und deswegen keineswegs anzeigten, wieweit das Totalverdienst der arbeitenden Bevölkerung sich während der untersuchten Periode vermehrt habe. Der Schlußsatz von „aber die Durchschnittslage“ bis zu Ende erklärt in der allerbestimmtesten Sprache, daß auf Grundlage von Beweisen, die von den Einkommensteuer-Erhebungen unabhängig seien, Herr Gladstone als unzweifelhaft anerkannte eine außerordentliche und fast beispiellose Verbesserung in der Durchschnittslage des britischen Arbeiters.
Zu welchem Zweck wurden diese wesentlichen Stellen fast gänzlich ausgestrichen in dem Verfahren, wodurch der Zeitungsbericht auf die bemerkenswerte Form herabgebracht wurde, in welcher er in Dr. Marx' Werk erscheint? Klärlich, wie ich denke, damit die willkürlich konstruierte Mosaik, zusammengeflickt aus den noch übrig-gelassenen Worten Herrn Gladstones, dahin verstanden werde, als behaupte man, daß die Verdienste der Arbeiterbevölkerung nur unbedeutenden Fortschritt gemacht hätten, während die Einkommen der besitzenden Klassen sich enorm vermehrt hätten, eine Ansicht, die die ausgelassenen Stellen ausdrücklich zurückweisen zugunsten einer sehr verschiedenen Behauptung.
Ich darf auch die Tatsache nicht unbemerkt lassen, daß auf die deutsche Übersetzung dieses verstümmelten Zitats im Text vom „Kapital“ unmittelbar folgt der Ausdruck des verächtlichen Erstaunens von Marx über den „lahmen Antiklimax“, gebildet durch die Worte, die hier als Schluß von Gladstones Satz figurieren, im Vergleich mit seiner frühern Beschreibung des Reichtumszuwachses unter den besitzenden Klassen.
Ich bin, meine Herren, aufrichtig
der Ihrige
Sedley Taylor
Trinity College, Cambridge, 8.Februar 1884
Nr.11. Eleanor Marx' zweite Antwort
„To-Day“, März 1884
An die Redaktion von „To-Day“
Meine Herren,
Herr Sedley Taylor bestreitet meine Angabe, daß, als der anonyme Verleumder über Dr. Marx herfiel, der einzige Streitpunkt war, ob Herr Gladstone gewisse Worte gebraucht habe oder nicht. Nach ihm war die wirkliche Frage,
„ob das betreffende Zitat gemacht wurde mit der Absicht, Herrn Gladstones Sinn darzulegen oder zu entstellen“.
Ich habe vor mir den Artikel der „Concordia“ (Nr. 10, 7.März 1872) „Wie Karl Marx zitiert“. Hier zitiert der anonyme Verfasser zuerst die Inauguraladresse der Internationalen; dann die Stelle aus Herrn Gladstones Rede, den vollen Text nach Hansard; dann resümiert er die Stelle in seiner eignen Weise und zu seiner eignen Zufriedenheit; und endlich schließt er:
„Die Tatsache, daß Gladstone dies einfach zur richtigen Würdigung seines Maßstabes anführt, benutzt Marx, um Gladstone sagen zu lassen: Diese berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht ist ganz und gar auf die besitzenden Klassen beschränkt. Dieser Satz befindet sich aber nirgends in der Gladstoneschen Rede. Gerade das Gegenteil ist in derselben gesagt. Marx hat den Satz formell und materiell hinzugelogen!“
Dies ist die Anklage und die einzige Anklage, die gegen Marx erhoben wird. Er wird in der Tat angeklagt, Gladstones Sinn zu verdrehen durch „Hinzulügen“ eines ganzen Satzes. Nicht ein Wort von „irreführenden“ oder „pfiffig isolierten“ Zitaten. Die Frage ist einfach die, „ob ein gewisser Satz in Gladstones Rede vorkam oder nicht“.
Von zweien Dingen eins. Entweder hat Herr Taylor Brentanos Angriffe und meines Vaters Antworten gelesen, und dann steht seine Behauptung in direktem Widerspruch mit dem, wovon er nicht umhin kann zu wissen, daß es die Wahrheit ist. Oder aber er hat sie nicht gelesen. Und dann? Hier ist ein Mann, der seine Briefe datiert von Trinity College, Cambridge; der ohne allen Anlaß sich besondere Mühe gibt, meines toten Vaters literarische Ehrenhaftigkeit anzugreifen in einer Weise, die notwendig auf eine „Verleumdung“ hinausläuft, es sei denn, er kann sie beweisen; der diese Anklage erhebt auf Grund einer literarischen Kontroverse von anno 1872 zwischen einem anonymen Schriftsteller (der nach Herrn Taylor Professor Brentano war) und meinem Vater; der in feuriger Sprache die „meisterhafte Führung“ des Angriffs durch St. Georg Brentano beschreibt und die „Todeswindungen“, worauf er schleunigst den Drachen Marx herunterbrachte; der uns in allen Einzelheiten die zerquetschenden Erfolge mitteilen kann, die besagter St. Georg erreichte „durch eine ins einzelne gehende Textvergleichung“; und der nach alledem mich in die delikate Lage versetzt, daß ich im Interesse der allgemeinen Menschenliebe voraussetzen muß, er habe nie eine Zeile gelesen von dem, wovon er spricht.
Hätte Herr Taylor die „meisterhaften“ Artikel seines anonymen Freundes gelesen, so würde er darin folgendes gefunden haben:
„Nun fragen wir: Lügt jemand nur, indem er selbst eine Unwahrheit erdichtet, oder lügt er nicht vielmehr ebenso, indem er sie gegen besseres Wissen oder Wissenmüssen nachspricht?“
So spricht der „meisterhafte“, ebenso tugendstrenge wie anonyme Brentano in seiner Erwiderung auf meines Vaters erste Antwort („Concordia“, Nr. 27, 4. Juli 1872, S. 210)3. Und auf derselben Seite behauptet er trotzdem im Angesicht der Welt, daß
„auch nach dem ‚Times'-Bericht Gladstone sagte, er glaube jene berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht nicht auf die wohlhabenden Klassen beschränkt“.
Wenn so Brentano absolut nicht zu wissen scheint, welches der wirkliche Streitpunkt war, ist Herr Sedley Taylor etwa besser dran? In seinem Brief an die „Times“ war es ein in der Inauguraladresse der Internationalen gemachtes Zitat. In seinem Brief an „To-Day“ ist es ein Zitat im „Kapital“. Das Terrain wird wieder gewechselt, aber darüber beklage ich mich nicht. Herr Taylor gibt uns jetzt die Gladstonesche Stelle, wie sie auf Seite 678 und 679 des „Kapitals“ zitiert ist, in Parallele mit derselben Stelle nach dem Bericht nicht Hansards, sondern der „Times“.
„Warum ich den Bericht der ‚Times' statt dessen von Hansard gebrauche, wird den Lesern der Marxschen Briefe in seiner Korrespondenz mit Brentano einleuchtend sein.“
Nun haben wir aber gesehn, daß zu diesen „Lesern“ Herr Taylor nicht gehört. Warum er so verfährt, mag daher andern einleuchtend sein, ihm selbst aber schwerlich, wenn wir seiner eignen Argumentation Glauben schenken.
Jedenfalls sind wir jetzt von Hansard, dem Unfehlbaren, heruntergebracht auf denselben Bericht, wegen dessen Benutzung der anonyme Brentano („Concordia“, dieselbe Seite 210) meinem Vater vorwirft, er benutze „notwendig nur stümperhafte Zeitungsberichte“. Soviel ist sicher: Das „Warum“ des Herrn Taylor muß „einleuchtend“ sein für seinen Freund Brentano.
Für mich ist das Warum in der Tat sehr einleuchtend. Die Worte, die mein Vater beschuldigt war, hinzugelogcn zu haben („eine Vermehrung, ganz und gar beschränkt auf die Klassen des Eigentums“), diese Worte sind enthalten im Bericht der „Times“ sowohl wie der übrigen Tagesblätter, während im Hansard sie nicht nur „zurechtgestümpert“, sondern gänzlich „weggepfuscht“ sind. Diese Tatsache hat Marx festgestellt, Herr Taylor, in seinem Briefe an die „Times“ noch schauerlich entsetzt über solch unverzeihliche „Verwegenheit“, ist jetzt selbst genötigt, den jeder Sünde unfähigen Hansard fallenzulassen und Schutz zu suchen unter dem nach Brentano „notwendig nur stümperhaften“ Bericht der „Times“.
Jetzt zum Zitat selbst. Herr Taylor ruft unsere besondere Aufmerksamkeit auf zwei von ihm hervorgehobene Stellen. In der ersten gibt er zu:
„Hier ist, das ist wahr, ein Widerspruch in den Worten gegenüber dem späteren Satz: ‚Die Vermehrung... Eigentums‘, aber die dazwischenstehenden Worte ‚dies nimmt... Bevölkerung‘ zeigen, so daß kein Irrtum möglich bleibt, was Herr Gladstone meinte“ usw.
Und hier sind wir offenbar auf theologischem Gebiet. Es ist der wohlbekannte Stil der orthodoxen Bibelerklärung. Die Stelle widerspricht sich in der Tat selbst; wird sie aber gedeutet im Einklang mit dem wahren Glauben des Christen, so wird man finden, daß ihr Sinn mit diesem wahren Glauben nicht in Widerspruch steht. Erklärt Herr Taylor den Herrn Gladstone in derselben Weise, wie Herr Gladstone die Bibel erklärt, so kann er auf keinen Anhang rechnen, außer bei den Orthodoxen.
Nun hat Herr Gladstone bei jener speziellen Gelegenheit entweder englisch gesprochen oder nicht. Wenn nicht, so hilft uns keinerlei Zitieren oder Auslegen. Wenn doch, dann hat er gesagt: Es würde ihm sehr leid tun, wenn jene berauschende Vermehrung von Macht und Reichtum beschränkt wäre auf die Klassen, die sich in wohlhabenden Umständen befinden, aber sie sei ganz und gar beschränkt auf die Klassen des Eigentums. Und das ist, was Marx zitiert hat. Die zweite Stelle ist eine jener stehenden Redensarten, die mit gelinder Änderung in jeder britischen Budgetrede wiederholt werden, schlechte Geschäftszeiten allein ausgenommen. Was Marx davon hielt und von der ganzen Rede, zeigt folgender Auszug aus seiner zweiten Antwort an den anonymen Verleumder: „Nachdem Gladstone seinen Hymnus auf die Vermehrung des kapitalistischen Reichtums ausgesungen, wendet er sich zur Arbeiterklasse. Er sagt beileibe nicht, sie habe an der ‚berauschenden Vermehrung von Reichtum und Macht‘ teilgenommen. Er fährt, nach dem ‚Times‘-Bericht, vielmehr unmittelbar fort mit den Worten: ‚Die Vermehrung des Kapitals ist aber von indirektem Vorteil für den Arbeiter usw.‘ Er tröstet sich ferner damit, ‚daß, während die Reichen reicher, die Armen weniger arm geworden sind‘. Er beteuert endlich, er und seine bereicherten Parlamentsfreunde ‚seien so glücklich, zu wissen‘, wovon die parlamentarischen Untersuchungen und statistischen Nachweise das Gegenteil wissen, nämlich
‚daß die Durchschnittslage des britischen Arbeiters sich während der letzten 20 Jahre in einem Grad verbessert hat, von dem wir wissen, daß er außerordentlich ist – und den wir beinahe für beispiellos in der Geschichte aller Länder und Zeiten erklären können‘.
Vor Herrn Gladstone waren alle seine Vorgänger im Amt „so glücklich“ in ihren Budgetreden die Schilderung der Zunahme des kapitalistischen Reichtums durch selbstzufriedene Redensarten über die Verbesserung in der Lage der Arbeiterklasse zu ergänzen. Trotzdem straft er sie allzusamt der Lüge, da das Tausendjährige Reich erst seit der Einführung der Freihandelsgesetzgebung angebrochen. Doch handelt es sich hier nicht um die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Gladstoneschen Trost- oder Kongratulationsgründe. Es handelt sich einfach darum, daß von seinem Standpunkt die angebliche ‚außerordentliche‘ Verbesserung in der Lage der Arbeiterklasse durchaus nicht im Widerspruch steht mit der ‚berauschenden Vermehrung von Reichtum und Macht, die ganz und gar auf die besitzenden Klassen beschränkt ist‘. Es ist die orthodoxe Lehre der Wortführer des Kapitals – und einer seiner bestbezahlten Wortführer ist Herr Gladstone –, daß das probateste Mittel für die Arbeiter, sich selbst wohlzutun, darin besteht, ihre Exploiteurs zu – bereichern.4 („Volksstaat“, Nr. 63, 7. August 1872.)
Obendrein, um Herrn Taylor gefällig zu sein, ist besagte Stelle aus Herrn Gladstones Rede vollständig zitiert in der Inauguraladresse Seite 5, unmittelbar vor dem streitigen Zitat. Und was anders als diese Adresse hat Herr Taylor ursprünglich beschuldigt? Ist es denn ebenso unmöglich einen Hinweis auf Originalquellen aus ihm herauszubekommen als Gründe aus Dogberry?
„Die fortlaufenden schreienden Widersprüche in Gladstones Budgetreden“ bilden den Gegenstand der Note 105 auf derselben Seite (679) des „Kapitals“, auf welche Herr Taylor uns verweist. Es ist in der Tat sehr wahrscheinlich, daß Marx sich extra bemüht haben sollte, aus „mala fides“ einen dieser Widersprüche zu unterdrücken! Ganz im Gegenteil. Marx hat weder etwas Anführungswertes unterdrückt, noch das geringste hinzugelogen. Aber er hat wiederhergestellt und der Vergessenheit entzogen einen gewissen Satz einer Gladstoneschen Rede, der unzweifelhaft ausgesprochen worden, der aber, so oder so, seinen Weg gefunden hat – aus Hansard hinaus.
Eleanor Marx